Leseprobe „In deinen Armen – Verraten und Verkauft“

 

 

Martens_Jana_-_In_deinen_Armen_-_Verraten_und_Verkauft_-_Front_300dpiGenre: Gay-Romance-Thrill

Kurzbeschreibung:

Marc ist ein aufstrebender Rechtsanwalt. Als er einen neuen Klienten vertritt, deutet zunächst alles auf einen gewöhnlichen Fall hin. Bevor er sich jedoch richtig in die Materie einarbeiten kann, wird er schon mit Widersprüchlichkeiten konfrontiert, die sein Können auf eine harte Probe stellen. Zur gleichen Zeit lernt er den frechen und charismatischen Eric kennen. Fasziniert von ihm erfährt Marc, dass Eric in seinen neuen Fall involviert ist. Eric zieht ihn immer tiefer in seinen Bann, dabei verwandelt sich Marcs Faszination in Verlangen, und beide finden sich in einem verwirrenden Gefühlschaos wieder. Doch darf es Liebe zwischen ihnen geben?
Plötzlich beginnen die Gegenspieler, ihre Spuren zu verwischen, und scheinen selbst vor Mord nicht zurückzuschrecken. Erst viel zu spät bemerkt Marc, dass er sich in ein Netz aus Intrigen und Erpressung verstrickt hat. Wird es ihm dennoch gelingen, den Fall zu lösen, oder wird die Liebe zu Eric sein Untergang sein?

Die Geschichte ist eine überarbeitete Neuauflage des Buches „Verraten und Verkauft“, welches unter Madison Clark erschienen war.

.

.

Kapitel 1

Marc lenkte seinen schwarzen Mercedes um die Straßenecke. Es war ein typischer Londoner Abend. An jeder Ecke dichter Verkehr und hektische Hupkonzerte. Der Asphalt glitzerte von den letzten Regentropfen des Nachmittags. Draußen war es kalt, aber wenigstens war kein Glatteis gemeldet. In einem Monat stand Weihnachten vor der Tür. Bis dahin würde es vermutlich schneien und der Feierabendverkehr zu einem fortwährenden Abenteuer ausufern. Daran wollte Marc gar nicht denken.
Im selben Augenblick, in dem er mit der Option spielte, eine Abkürzung zu nehmen, klingelte sein Smartphone.
»Verdammt!« Knurrend blickte Marc auf die Digitaluhr im Armaturenbrett und danach zurück auf die Straße. Seit knapp zehn Minuten hatte er Feierabend. Unmotiviert schielte er auf das Display des Handys und drückte auf den Annahmeknopf an seinem Lenkrad. Mittels Bluetoothverbindung konnte er problemlos über den Lautsprecher telefonieren und gleichzeitig weiterfahren.
»Hey, noch im Büro?«, begrüßte er Mary, die junge Sekretärin seines Chefs, trotz seiner aufkeimenden schlechten Laune charmant.
»Sieht wohl so aus«, entgegnete sie und seufzte. »Der Boss hat eben einen neuen Fall angenommen, und du sollst dich dringend heute Abend noch reinlesen. Er hat mit dem neuen Mandanten bereits alles abgeklärt und meinte, es duldet keinen Aufschub.«
»Nicht schon wieder. Ich bin gerade auf dem Weg zu Faulkner. Dieser unverbesserliche Nichtsnutz hat wieder gegen seine Auflagen verstoßen, und das kann nicht warten.« Hoffnungsvoll wartete er auf eine aufbauende Antwort.
Feierabend war für seinen Chef Jacob Scudmore ein Fremdwort. Bei ihm zählten nur die Arbeit und das damit verbundene Honorar. Freizeit war Luxus, den sich Marc nicht leisten konnte, zumindest bisher nicht. Er arbeitete im Anwaltsbüro Scudmore & Partner, nur an die Sache mit der Partnerschaft verschwendete sein Chef keinen einzigen Gedanken. An erster Stelle standen für ihn der Gewinn, das Prestige und vor allem, dass Marc für ihn die Arbeit übernahm.
»Du sollest den Fall übernehmen, hat Mr. Scudmore gesagt. Es tut mir wirklich leid. Ich weiß, dass du schon genug Überstunden in der letzten Zeit angehäuft hast.«
Marc glaubte ihr, er konnte es aus ihrem Tonfall heraushören. Trotzdem begann die Frustration, an seinem ohnehin dünnen Nervenkostüm zu nagen. »Pete und George sind auch noch da. Warum können sie nicht in der Scheiße wühlen? Für was bekommen sie ihr Geld? Fürs Däumchen drehen?«
»Sie haben ebenfalls neue Fälle bekommen«, antwortete Mary, obwohl er keine Antwort erwartet hatte. »Bei diesem speziellen Fall will Mr. Scudmore nur dich. Das hat er explizit erwähnt.« Sie senkte ihre Stimme. »Er weiß, dass du besser bist als Pete und George.«
In diesem Punkt stimmte er ihr zu, dennoch seufzte er innerlich. Das Gefühl, dass seine beiden Kollegen weitaus weniger arbeiteten als er, spukte ihm ständig im Hinterkopf. Ausgerechnet am heutigen Abend waren die Zeit und der Verkehr gegen ihn. Am meisten ärgerte es ihn, dass er wegen der Anordnung seines Chefs nun einen großen Umweg in Kauf nehmen musste. Er war in nördlicher Richtung unterwegs. Raus aus der Londoner City, weg von seinem Arbeitsplatz und noch weiter weg von dem Ort, an dem er wohnte.
»Wenn es dir hilft, kann ich den Umschlag mit den Unterlagen auf dem Heimweg bei dir in den Briefkasten werfen.«
»Das wäre toll.« Er hatte das Gefühl, als wäre ihm eine große Last von den Schultern genommen worden. Mary und er wohnten im selben Stadtteil. Außerdem hatten sie sich in den vergangenen zwei Jahren angefreundet. Das kam ihm jetzt zugute.
Zwar konnte er es nicht sehen, aber er wusste, dass sie lächelte. »Kein Problem. Sag mal, ist Nicole schon wieder zu Hause? Du hast in den vergangenen Tagen überhaupt nichts mehr von ihr erzählt.«
Damit traf sie seinen wunden Punkt. Für einen Moment schloss er die Augen, holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. »Nein, bis jetzt noch nicht. Sie wollte bis Sonntag bei ihren Eltern in Edinburgh bleiben. Vielleicht kommt sie am Montag zurück.«
»Habt ihr nicht telefoniert?«, erkundigte sich Mary. Sie klang besorgt.
»Nein. Morgen oder übermorgen versuche ich, sie anzurufen.« Vorausgesetzt sie würde abnehmen, woran er zweifelte. Seit Nicoles plötzlicher Abreise vermisste er sie schrecklich. In ihrem Brief hatte sie geschrieben, dass er sich nicht bei ihr melden sollte, sondern sie sich bei ihm. Zähneknirschend akzeptierte er ihren Wunsch, doch ihre Zeilen schmerzten ihn. Aus diesem Grund hatte er bisher die Tatsache verdrängt, dass seine Verlobte nicht zu Hause war. Den Inhalt von Nicoles Brief, eine lange Liste aus Vorwürfen, weil er nie Zeit für sie erübrigen konnte, hatte er genauso aus seinen Erinnerungen verbannt wie ihre übereilte Abfahrt vor zwei Wochen. Für ihn war sie ein paar Tage zu ihren kranken Eltern nach Schottland gefahren. Ihre Rückreise stand in den Sternen, ebenso, wie es um ihre Beziehung stand.
»Ich bin mir sicher, sie vermisst dich.« Mary versuchte offenbar, ihn zu trösten, aber ihre Worte erzielten nicht die erhoffte Wirkung. Sie dachte in eine völlig falsche Richtung. Einen Augenblick spürte er einen Stich in seinem Herzen, den er jedoch ignorierte. Er wollte nicht über Nicole reden, er wollte nicht an sie denken.
»Schon okay. Wir sehen uns morgen«, beendete er rasch das Gespräch. »Wirf die Unterlagen einfach in den Briefkasten. Ich muss jetzt weiter. Bye.«
Mary verabschiedete sich, und Marc drückte den Auflegeknopf am Lenkrad.
Warum tat er sich das eigentlich an? Er fädelte sich in die lange Autoschlange ein, um im Schritttempo weiterzufahren. Er könnte sein eigenes Büro eröffnen, aber nein, stattdessen machte er es sich einfach und arbeitete weiterhin für Jacob Scudmore. Und wer erledigte die meiste Arbeit? Natürlich er! Für seine Rechtsanwaltskollegen Pete und George waren Überstunden ein Fremdwort. Marc durfte sich allerdings nicht beschweren, denn er verdiente sehr gutes Geld, besaß ein Haus und nach dem kommenden Wochenende hoffentlich noch eine Verlobte.
Marc war nicht nur ein aufstrebender Rechtsanwalt, sondern auch ein begehrenswerter Mann, wenn er den Komplimenten seiner Freunde glauben konnte. In seiner Freizeit trieb er in jeder freien Minute Sport, vorausgesetzt, er fand die Zeit dazu, und mit seinen dreiunddreißig Jahren gab er auf sein äußeres Erscheinungsbild besonders acht. Nicole hatte ihm einmal erzählt, sie sei seinen strahlend blauen Augen, seinem glänzend braunen Haar und seinen sanften Gesichtszügen verfallen.
Frustriert schaltete er das Autoradio ein und ließ sich von der Musik berieseln, bis er in die Tollington Road im Stadtteil Holloway einbog. Holloway gehörte zum Londoner Bezirk Islington, in dem sich starke soziale Gegensätze tummelten. In einem Teil lebten die Menschen in teuren Einfamilienhäusern, in dem anderen wohnten die Menschen in ärmlichen Verhältnissen.
Die achtzehnstöckigen Sozialbauten begrüßten ihn mit ihren hell erleuchteten Fenstern, in denen es bunt blinkte und blitzte. In der Vorweihnachtszeit war hier alles üppig mit billigem Weihnachtsschmuck dekoriert. Er nahm das Geblinke nur aus den Augenwinkeln wahr, sein Hauptaugenmerk galt der Parkplatzsuche. Eine Viertelstunde später stellte er den Wagen zwischen überfüllten Mülltonnen und einem Haufen Sperrmüll am Bürgersteig ab, lediglich ein paar Schritte vom Haus seines Klienten entfernt. Mit einem leicht mulmigen Gefühl stieg er aus. Er mochte diese Gegend nicht besonders und machte daraus keinen Hehl.
Eingemummelt in einen Wintermantel und den Aktenkoffer in der Hand, stand er schließlich vor einem großen Klingelbrett. Kaum ein Name war leserlich, bei einigen fehlten Buchstaben, in manchen Fällen sogar die Hälfte des Nachnamens. Wenigstens wusste er, wohin er wollte, und betätigte den Klingelknopf mit der Aufschrift B. Fa lk r, Wohnung achtundzwanzig. Er wartete, doch nichts geschah.
»Toll«, murrte Marc. »Jetzt ist der Idiot nicht einmal zu Hause.«
Er klingelte erneut, diesmal energischer, und ihm wurde die Haustür geöffnet. Erleichtert, nicht umsonst den weiten Weg gefahren zu sein, trat er in das schmutzige Treppenhaus. Zigarettenstummel und zerknüllte Bierdosen säumten den Weg, die er allerdings übersah. Dem beißenden Gestank kalter Asche und dem des verschütteten Alkohols auf den kaputten Bodenfliesen konnte er jedoch nicht entkommen. Genauso wenig den Graffitischmierereien an den Wänden, wobei Fuck your mother das Harmloseste darunter war. Marc atmete flach und beeilte sich, mit dem Aufzug in die neunte Etage zu fahren.
Nach einem schrillen Pling stieg er aus. Er machte zwei Schritte in den Hausflur, als er überraschend mit jemandem zusammenstieß. Erschrocken taumelte Marc rückwärts und prallte gegen die inzwischen wieder geschlossene Aufzugtür, wobei der Aktenkoffer zu Boden fiel. Verdammt, pass doch auf, lag ihm auf der Zunge, doch er kam nicht mehr dazu es auszusprechen. Wüste Beschimpfungen drangen an sein Ohr. Schnell hob er den Koffer auf und beobachtete neugierig, aber in sicherem Abstand, welche Szene sich vor ihm abspielte.
Ein junger Mann mit heruntergelassener Bluejeans, entblößtem Hintern und nacktem Oberkörper stand auf dem Gang. Auf der rechten Schulter war ein Schlangentattoo zu erkennen. »Fick dich, du widerlicher Wurm«, brüllte er in Richtung offener Wohnungstür. »Dein kleiner Schwanz bringt höchstens Opas zum Stöhnen.« Dabei zog der Fremde die Hose über seinen blanken Hintern, während Turnschuhe, Pullover und eine Jacke im hohen Bogen in den Hausflur geflogen kamen und auf dem dreckigen Boden landeten.
Im Türrahmen tauchte ein Mann auf. Er war groß, breitschultrig, an beiden Armen und seitlich am Hals tätowiert. Mit seiner flachen, krummen Nase ähnelte er stark einem Preisboxer. Bradley Faulkner. Eigentlich gehörte er eher zur Sorte Kleinkrimineller – seine Spezialgebiete waren Einbruch und Diebstahl –, aber sein Aussehen verlieh ihm etwas weitaus Gefährlicheres.
»Eric, verschwinde«, rief er zornig. »Ich hab dich nicht gebeten zu kommen, und den Rest kannst du dir abschminken. Also hau ab! Wenn du noch mal auftauchst, ruf ich die Bullen wegen Belästigung.« Faulkner drohte mit der Faust und verengte die Augen zu Schlitzen.
»Haha … als würdest du die Bullen rufen. Du scheißt dir höchstens in die Hose, Arschloch.« Der junge blonde Mann lachte spöttisch und streifte sich die Schuhe und den Pullover über.
»Halts Maul, Eric, sonst ruf ich sie sofort. Dann bin ich wenigstens eine Plage los.«
Es entstand eine kurze Pause. Beide starrten sich an und schienen den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen abzuschätzen.
»Du kannst mich mal«, brüllte Eric. Er hob den Mittelfinger und spuckte angewidert auf die Türschwelle.
»Zieh endlich Leine«, schrie Faulkner mit hochrotem Kopf, machte einen Schritt nach vorn und holte zum Schlag aus, als er plötzlich Marc entdeckte. Abrupt ließ er von seinem Vorhaben ab und begnügte sich mit einem tödlichen Blick in Erics Richtung.
Nun wurde auch Eric auf Marc aufmerksam. Prompt projizierte er seine angestaute Wut auf ihn. »Was willst du, Opa? Willst du einen kostenlosen Fick? Nein? Verpiss dich, du störst!«
Opa? Hatte der Hosenscheißer ihn Opa genannt? Unerwartet in die Schusslinie geraten zu sein, missfiel Marc. Mit seinen dreiunddreißig Jahren musste er sich nicht beleidigen lassen. Was wäre er jedoch für ein Rechtsanwalt, wenn er plötzlich ausflippen und dem frechen Bürschchen eine Ohrfeige verpassen würde? Heute war definitiv nicht sein Tag. Stattdessen seufzte er und öffnete den Mund, um dem Schnösel eine passende Antwort zu geben, aber der hatte sich schon von ihm abgewandt.
»Gib mir wenigstens die Kohle, Wichser«, verlangte er von Faulkner.
»Geld? Du spinnst wohl! Ich schulde niemandem einen Penny und dir schon gar nicht.« Faulkner fixierte ihn zähneknirschend. »Jetzt mach gefälligst die Fliege, sonst bekommst du die Tracht Prügel, die du seit Monaten verdienst. Kein Wunder, dass du dir mit deiner frechen Schnauze ständig Ärger einhandelst.«
Eric schien etwas erwidern zu wollen, besann sich und stieß Marc grob zur Seite. Laut fluchend rannte er zur Treppe und stürmte nach unten.
»Was machen Sie hier?«, fragte Bradley und überrumpelte Marc, der Eric perplex hinterhersah.
»Ähm … Sie … Sie haben sich schon zweimal … ähm … nicht bei Ihrem Bewährungshelfer gemeldet«, stotterte Marc. In diesem Augenblick fühlte er sich vollkommen fehl am Platz. Die üble Laune seines Gegenübers machte die Situation nicht angenehmer. »Ich möchte wissen, warum Sie die Besuche bei ihm versäumten? Er hat sich heute mit mir unterhalten. Er gibt Ihnen eine letzte Chance. Wenn Sie morgen den Termin nicht wahrnehmen, kann ich nichts mehr für Sie tun. Sie wurden wegen guter Führung vorzeitig entlassen, aber bei Ihrem Verhalten werden Sie die drei Monate nachsitzen müssen.«
»Sie hätten anrufen können«, brummte Faulkner und zog sich in seine Wohnung zurück.
»Das habe ich den ganzen Nachmittag versucht, aber Sie sind nicht ans Telefon gegangen. Darf ich reinkommen, ich muss noch einige Dinge mit Ihnen …«
»Nein!« Die Wohnungstür wurde vor seiner Nase zugeschlagen und Marc stand wie bestellt und nicht abgeholt im Hausflur.
»Arschloch«, nuschelte er und umklammerte den Griff seines Aktenkoffers fester, während er die freie Hand zur Faust ballte. Er schloss die Augen, zählte langsam bis zehn und atmete tief durch. Der Tag hatte beschissen angefangen, und nun war er sich sicher, dass er genauso enden würde. Faulkner wollte nicht mit ihm reden. Gut, dann musste er mit den Konsequenzen leben. Ein Anruf beim Bewährungshelfer, und die Sache war für ihn als Anwalt erledigt. Wieso hatte sein Chef überhaupt erst diesen Auftrag angenommen? Weil er hin und wieder Pflichtverteidigungen übernahm und diese Marc aufs Auge drückte. Die kommenden Pflichtmandate würde er auf jeden Fall ablehnen.
Murrend fuhr Marc mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. An der frischen Luft konnte er endlich wieder frei durchatmen. Sofort fühlte er sich besser. Er fasste in seine Manteltasche und zog die Zigarettenschachtel heraus. Rasch steckte er sich eine Zigarette in den Mundwinkel und zündete sie an. Der erste Zug tat unglaublich gut, und er genoss ihn. Eigentlich hatte er sich schon vor Längerem vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören, aber bei dem ganzen Stress verlegte er sein Vorhaben immer wieder auf das nächste Jahr.
Marc war eindeutig reif für ein paar freie Tage. Sein letzter Urlaub lag Monate zurück. Jetzt hatte er den weiten Weg umsonst gemacht und durfte sich durch den chaotischen Verkehr nach Hause kämpfen. Mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch ließ er Faulkner hinter sich, den er auf dem Weg zu seinem Wagen verfluchte.
»Hey, kann ich eine Kippe schnorren?«
Überrascht drehte sich Marc um und erkannte im Schein der Straßenlaterne den Blondschopf von eben, der auf ihn zukam. Die zerschlissene und löchrige Winterjacke hatte er fest um den schlanken Körper geschlungen. Marc dachte an den Vorfall zurück und überlegte es sich zweimal, ob er der Bitte nachkommen sollte. »Du bist doch der Typ von Faulkner«, sagte er kalt. Das Wort Opa hatte er nicht vergessen.
»Ja … was ist jetzt? Gibst du mir eine?«
»Von mir aus.« Marc griff in seine Manteltasche.
Eric nahm die Zigarette mit einem dankbaren Gesichtsausdruck entgegen und entzündete sie ohne zu fragen an Marcs brennender, indem er sie ihm klaute und mit einem frechen Grinsen zurückgab.
»Manieren sind ein Fremdwort für dich«, sagte Marc stichelnd und steckte die Schachtel schnell ein.
»Eigentlich nicht, aber ich habe es nicht so mit Fremdsprachen.« Eric zwinkerte. »Es geht mich ja nichts an, aber was machst du hier? Du musst zugeben, ein piekfeiner Anzugträger nebst solch einer Nobelkarosse passt nicht in diesen Teil von Holloway.«
Konsterniert über diese dreiste Frage dachte Marc über eine kesse Antwort nach. Eigentlich wollte er nur in Ruhe seine Zigarette rauchen, nach Hause fahren und den verkorksten Abend mit noch mehr Arbeit beenden. Als Eric jedoch seinen Mercedes genauer in Augenschein nahm, beobachtete er ihn mit Argusaugen.
»Für ein älteres Modell scheint deiner gut in Schuss zu sein«, stellte Eric fest. »Sag schon, du wolltest bestimmt zu Brad. Das Arschloch hat üble Laune. Seine kleine Hure hat ihn heute Morgen in den Wind geschossen. Wenn du mich fragst, war das längst überfällig. Sammy war viel zu gut für den.«
»Für einen Fremden hast du ein großes Mitteilungsbedürfnis«, erwiderte Marc zynisch. Diese Details interessierten ihn nicht.
»Das nennt man Small Talk.« Eric lachte herzlich und warf den Zigarettenfilter auf den Bürgersteig. »Außerdem bist du quasi kein Fremder mehr, du hast meinen Arsch gesehen, und das dürfen nur die, die genug Kohle haben.«
Marc seufzte. »Aha … dann muss ich mich wohl glücklich schätzen.«
»Und ob.« Ein breites Grinsen folgte. »Eigentlich ist mir egal, was du hier machst. Bevor du gehst, kannst du mir noch eine Kippe leihen? Wenn wir uns wiedersehen, bekommst du sie zurück, Eric-Ehrenwort.«
»Eric-Ehrenwort?« Marc runzelte die Stirn, und gegen seinen Willen verpuffte sein Ärger. Er konnte zwar nicht behaupten, ihn sympathisch zu finden, aber seine freche Art machte ihn unerwartet interessant.
»Kann dir Brad bei Gelegenheit erklären. Was ist, bekomm ich noch eine?«
An diese Gelegenheit glaubte Marc weniger, aber das behielt er für sich. Stattdessen reichte er Eric die Schachtel. »Behalte sie, ich kaufe mir unterwegs neue.«
»Cool!« Strahlend nahm er sie entgegen und zog sich eine weitere Zigarette heraus, die er dieses Mal mit seinem eigenen Feuerzeug anzündete.
»Machs mal gut«, verabschiedete sich Marc, trat seine Zigarette aus und schloss die Fahrertür auf.
»Wie heißt du überhaupt?«, fragte Eric, als Marc bereits eingestiegen war und die Tür schließen wollte.
»Frech und neugierig bist du nicht«, bedeutete er ironisch. »Wenn es dich beruhigt, meine Freunde nennen mich Marc.«
»Ich bin Eric. Machs gut, Marc.« Er hob die Hand, lächelte und machte einen Schritt zurück.
Instinktiv hob auch Marc die Hand, dann beeilte er sich, von hier zu verschwinden. Seine angekratzten Nerven hätten eine Fortsetzung des Small Talks nicht länger ausgehalten. Er wollte nach Hause, etwas essen und, noch wichtiger, aus dem unbequemen Anzug raus und hinein in seine Wohlfühlklamotten.
Während der Fahrt und selbst bei dem Zwischenstopp, als er sich eine Pizza mit extra viel Salami und Käse sowie eine Flasche Rotwein kaufte, ertappte sich Marc immer wieder dabei, dass ihm Eric im Kopf herumspukte. Der junge Mann war sehr einnehmend gewesen. Dass er ihn Opa genannt hatte, war inzwischen verziehen. Viel mehr interessierte er sich für die Frage, was Eric mit Faulkner zu tun hatte. Er wusste von seinem Klienten, dass dieser schwul war. Demnach vermutete er, dass auch der Blondschopf dem männlichen Geschlecht zugeneigt war. Marc dachte daran, wie er die beiden vorgefunden hatte. Eric mit heruntergelassener Hose, Faulkner ebenfalls nur mit einer Hose bekleidet. Daraus schloss er: Eric hatte sich für den Sex mit Faulkner bezahlen lassen. Nur so weit war es anscheinend nicht gekommen, Faulkner hatte ihm das Geld verwehrt, wenn er die Worte aus ihrem Streit richtig interpretierte. Der Gedanke, dass Eric dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen könnte, versetzte ihm einen merkwürdigen Stich in der Magengegend und er spürte einen Schauder über den Rücken laufen.
Marc schätzte Eric auf höchstens zwanzig. Die strohblonde verwuschelte Haarmähne, der freche Blick aus den grünen Augen und sein dreistes Mundwerk passten zu seinem vorlauten Charakter. Die Kleidung hatte jedoch längst die besten Tage hinter sich. Wenn er an die ausgefranste dünne Jacke dachte. Plötzlich fiel es Marc wie Schuppen von den Augen. Er hatte es nur am Rand wahrgenommen, weil er auf das Schlangentattoo gestarrt hatte. Erics Rücken war voller blauer Flecken und roter Striemen gewesen. Damit erfüllte er das Klischee eines Strichers.
Schließlich ging Marc einen Schritt weiter. Vermutlich hatte Eric versucht, doch noch Geld zu verdienen. Aus diesem Grund hatte er sich höchstwahrscheinlich mit ihm unterhalten. Bei diesem Gedankenspiel schluckte er und unterdrückte ein Schaudern. Diese Vorstellung war absurd.
Auf einmal lachte er und schimpfte sich einen Idioten, weil er über solche Dinge nachgrübelte. Er musste sich auf den Verkehr und seine Arbeit konzentrieren. Daher verdrängte er Eric in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses und Faulkner gleich mit.

Zwei Stunden später saß Marc im Pyjama auf seiner gemütlichen Couch im Wohnzimmer. Vor ihm standen eine halb volle Flasche Rotwein, ein leeres Glas und die Reste der Pizza. Auf dem hell marmorierten Couchtisch lagen die Unterlagen verstreut, die Mary ihm in den Briefkasten geworfen hatte.
Ein höchst interessanter Fall. Er durchstöberte wiederholt die Unmengen an Protokollen. Von dem künftigen Klienten hatte er einige Male in der Zeitung gelesen und den Fall in den Nachrichten verfolgt. Vor vierzehn Monaten hatte der Prozess stattgefunden, und Mr Joseph Ainsworth wurde nach fünfunddreißig Verhandlungstagen in der ersten Instanz und in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Fünfzehn Jahre für gefälschte Geschäftsbücher, Steuerhinterziehung in Millionenhöhe und angeblichen Waffenhandel, der sich allerdings nur auf Indizien stützte. Zusätzlich sollte Joseph Ainsworth Mitarbeiter erpresst und bestochen haben. Vor drei Wochen hatte er seinen früheren Anwalt gefeuert und um einen neuen Rechtsbeistand gebeten. Sein Chef hatte unter Aussicht auf ein horrendes Honorar den Fall angenommen, während Mr Ainsworth zwischenzeitlich von der Untersuchungshaft in den Normalvollzug überstellt worden war. Nun war es Marcs Aufgabe, in den nächsten drei Wochen eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erwirken und etwaige Gegenbeweise aufzuführen.
Marc glaubte bei der erdrückenden Beweislast an keinen Erfolg, umso erpichter war er darauf, mehr über diesen Fall zu erfahren. Vielleicht, wenn er seine Arbeit gut machen würde, könnte er dennoch etwas bewirken. Vor allem forderte es sein ganzes Können heraus.

.

.

Kapitel 2

Das Telefon klingelte. Das war bereits der fünfte Anruf innerhalb der letzten Viertelstunde. Marc seufzte genervt. Ständig wurde er unterbrochen. Wie sollte er da den lästigen Schreibkram erledigen? Er wandte sich vom Computerbildschirm ab und sah auf das Display des Bürotelefons. Augenblicklich fühlte er sich besser. Auf diesen Anruf wartete er seit Montag, und heute war Mittwoch. Hoffentlich hatte der Privatdetektiv Lewis Emerson gute Nachrichten für ihn.
Marc nahm den Anruf entgegen und benutzte die Freisprechfunktion. »Mr Emerson, sind Sie fündig geworden?«
»Guten Tag, Mr Finnley«, antwortete die tiefe Stimme des Detektivs. Im Hintergrund war Autolärm zu hören. »Ja, ich habe die Adresse des Burschen endlich herausgefunden. Das war Schwerstarbeit. Man könnte meinen, er will nicht gefunden werden. Ein alter Bekannter schuldete mir noch einen Gefallen und hat ein bisschen in den Akten des …«
»Schon gut«, unterbrach ihn Marc aufgeregt. »Wie lautet die Adresse?«
Emerson lachte und klang keineswegs verärgert. »Biddestone Road Sieben. Es ist das Eckhaus schräg gegenüber einer Fast Food-Filiale. Das ist in der Nähe des Emirates Stadions.«
»Ich weiß«, sagte Marc, während er die Anschrift in sein Notizbuch schrieb. Für jeden neuen Fall legte er ein Notizbuch an, das er nach Abschluss zu Hause im Keller archivierte. Obwohl er erst seit sechs Tagen der Rechtsbeistand von Mr Ainsworth war, hatte er bereits eine Menge Informationen darin zusammengetragen. Als er jedoch den Straßennamen und die Hausnummer notierte, versuchte er, nicht allzu enttäuscht zu sein. Ausgerechnet dieser Zeuge wohnte im Stadtteil Holloway. Diese Tatsache ließ ihn automatisch an seinen verkorksten Abend bei Faulkner denken. Eine Woche war das her.
»Benötigen Sie sonst noch irgendwelche Informationen?«, erkundigte sich Emerson.
»Nein, derzeit nicht. Danke. Ansonsten melde ich mich bei Ihnen.«
»Geht in Ordnung. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«
»Ich Ihnen auch.« Marc beendete das Telefongespräch.
Obwohl ihn die Nachricht freudig stimmen sollte, da er endlich mit dem Zeugen Kontakt aufnehmen konnte, war das Gegenteil der Fall. Marc nahm die ungehobelte Abfuhr von Faulkner immer noch persönlich. Für ihn stand fest: Er mochte Holloway nicht, und alles, was damit zu tun hatte. Seit Sonntagabend hatte er zudem andere Probleme zu bewältigen.
Nicole war nicht nach Hause gekommen. Sie hatte es nicht einmal für nötig befunden, ihn anzurufen. Stattdessen hatte sie ihm eine SMS geschrieben und mitgeteilt, dass sie noch mehr Zeit zum Nachdenken brauche. Sie wollte zwei weitere Wochen in Schottland bleiben. Seit dieser erschütternden Nachricht sah Marc einen Scherbenhaufen vor sich, der einmal eine langjährige Beziehung gewesen war. Allerdings war er realistisch veranlagt und hatte schon vor Tagen eingesehen, dass er das Haus künftig allein bewohnen würde. Aus Frust hatte er am selben Abend eine halbe Flasche Bourbon ausgetrunken. Nicole wollte ihn nicht mehr, sollte sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass ihm seine Arbeit äußerst wichtig war, immerhin hatte er bis dato ihren verschwenderischen Lebensstandard mitfinanziert. Schlussendlich ließ sie ihn im Regen stehen. Ihn schmerzte dieser Gedanke, dennoch versuchte er sich irgendwie mit der Vorstellung zu arrangieren, dass sie dabei war, ihn für immer zu verlassen. Normalerweise trug er seine intimsten Gefühle nicht offen zur Schau, aber dieses Mal hatte er geweint, weil er tief in sich gespürt hatte, wie schnell sich Altbewährtes vor seinen Augen veränderte und wie machtlos er dagegen war.
Nach einer schrecklichen Nacht voll wirrer Träume war Marc montagmorgens mit Kopfschmerzen in die Kanzlei gekommen. Wie ein Besessener hatte er sich auf seinen neuen Fall gestürzt. Um Nicole aus seinem Kopf zu verdrängen, lenkte er sich mit so viel Arbeit wie möglich ab. Gleichzeitig fiel es ihm unglaublich schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Es war ein Teufelskreis. Dazu dieses stickige Büro, der anwachsende Aktenstapel und die chaotischen Informationen zu Joseph Ainsworths Verurteilung. Marc war sich nicht hundertprozentig sicher, aber irgendetwas schien an dem Fall faul zu sein. Es war eher ein Bauchgefühl, das in ihm die Zweifel hervorrief, aber es war da, und er konnte es nicht ignorieren. Alle Fakten und Indizien wiesen eindeutig auf die Schuld seines Mandanten hin. Normalerweise konnte er sich auf seine Vorahnungen verlassen, ausgenommen Nicoles Reaktion. Niemals im Leben hätte er vorhergesehen, dass ihre Beziehung einmal so enden würde.
»Verdammt! Ich muss aufhören, an sie zu denken und einen klaren Kopf bekommen.«
»Ist etwas passiert?«
Er hob den Kopf. Mary stand im Türrahmen. Sie musterte ihn besorgt. Heute trug sie ein dunkelblaues Kostüm mit Rock und heller Bluse, beides betonte ihre attraktiven Rundungen.
»Alles in bester Ordnung«, log er und lächelte. »Nur der blöde Schreibkram nervt.«
»Ich habe etwas, das dich aufheitern könnte.« Sie zwinkerte und kam näher. »Vor ein paar Minuten hat Mr Faulkners Bewährungshelfer angerufen. Er wurde gestern Abend bei einem Diebstahl an einer Tankstelle verhaftet. Also musst du dich nicht mehr mit ihm herumärgern. Er hat einen neuen Pflichtverteidiger und sieht die nächsten Monate Gitterstäbe.«
»Mary, du hast meinen Tag gerettet.« Marc grinste zufrieden. »Ich bin den Trunkenbold und seine Launen endlich los!« Er sprang vom Stuhl, beugte sich über den Schreibtisch und hauchte Mary ein Küsschen auf die Wange.
Sie kicherte. »Sag ich doch. Außerdem könnte ich dir ein wenig Arbeit abnehmen. Du musst die Daten nur noch in den Computer eintragen?« Ihr Blick schweifte über den voll beladenen Schreibtisch.
»Ja.« Marc nickte. »Würdest du das für mich tun? Ich mache das hier noch fertig und könnte anschließend zu dem Zeugen fahren. Ich benötige dringend ein paar Antworten von ihm. Die Sache mit Mr Ainsworth scheint schwieriger zu werden, als ich dachte. Zumindest sieht es so aus.«
Damit war es beschlossene Sache. Mary übernahm den Großteil der lästigen Schreibarbeit, und Marc beendete den Abschlussbericht seines letzten Falls. Kurze Zeit später bedankte er sich, indem er ihr versprach, sie in einer Mittagspause zu einem Kaffee einzuladen. Um halb vier fuhr er in Richtung Holloway. Er war dankbar, dass das Verkehrschaos sich heute in Grenzen hielt. Auf der Fahrt dorthin vergaß er sogar Nicole und war in Gedanken mit dem neuen Fall beschäftigt.

Nach einstündiger Autofahrt stand Marc in der Biddestone Road vor dem großen Mehrfamilienhaus mit der Hausnummer sieben. Verwundert sah er sich um, denn er hatte etwas anderes erwartet als solch ein gepflegtes Umfeld. Er stieg aus dem Wagen, schloss ab und musterte das mehrstöckige Backsteinhaus, wo ihn Hunderte kleine Fenster mit weißen Fensterrahmen anstarrten. Auf den ersten Blick hatte er das Gefühl, Emerson hätte sich geirrt, aber das hier war die notierte Adresse.
Er dachte nicht weiter darüber nach, lief zum Hauseingang und suchte nach der richtigen Klingel. Neben dem Klingelknopf stand der Name Ainsworth klein unter dem Nachnamen Ockley geschrieben. In der Hoffnung, dass dieser Zeuge ihm mit seiner Aussage weiterhelfen könnte, klingelte er. Niemand öffnete oder kontaktierte ihn über die Sprechanlage. Er versuchte es noch einmal und kurz darauf ein drittes Mal. Frustriert ließ Marc die Schultern hängen und sah nach oben. Kein Mensch stand an einem Fenster und blickte nach unten. Das hieß, er hatte innerhalb einer Woche zweimal den langen Weg nach Holloway auf sich genommen, um unverrichteter Dinge zurückzufahren. Beim nächsten Mal würde er vorher anrufen und einen Termin ausmachen. Seine Sympathie für diesen Stadtteil sank stetig gen Nullpunkt.
»Das ist typisch«, grummelte er, machte kehrt und ging zu seinem Wagen zurück.
Gerade, als er die Schlüssel aus der Manteltasche hervorholen wollte, knurrte sein Magen. Kein Wunder, hatte er doch auf seine Mittagspause verzichtet, um schneller mit dem Bericht fertig zu werden, und stattdessen nur einen Kaffee getrunken. Es war höchste Zeit, etwas zu essen. Nicht weit, höchstens fünfzig Meter entfernt, war er an dem von Emerson erwähnten Fast Food-Restaurant vorbeigefahren, und genau darauf steuerte er zu. Er konnte nach einem schnellen Snack ein weiteres Mal bei dem Zeugen klingeln. Ehe sich Marc versah, saß er vor einem vollen Tablett mit zwei Hamburgern, Pommes frites und einer großen Cola an einem Tisch neben dem Fenster.
Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass er dieses Zeug in sich hineingestopft hatte, daher schmeckte es gleich noch mal so gut. Mit jedem weiteren Bissen stieg seine Laune.
»Schmeckt’s?«
Neugierig blickte er auf. Vor ihm stand frech grinsend Eric. Marc verschluckte sich an seinem Bissen und fing an zu husten. Erst nachdem er einen Schluck getrunken hatte, ging es ihm besser. Das änderte jedoch nichts daran, dass ihm die Situation peinlich war. »Eric? Was … was machst du hier?« Aus seiner Überraschung machte er keinen Hehl.
»Hm …« Eric sah sich im halb leeren Fast Food-Restaurant um. »Vielleicht will ich ja was essen.«
»Darauf wäre ich nie gekommen«, gab Marc trocken zurück und lachte.
Eric fiel in das Lachen mit ein und setzte sich ungefragt Marc gegenüber. »Wieso fragst du dann so blöd? Sag mal … isst du den Rest noch?« Er deutete auf die Handvoll Pommes in der Tüte.
Einen Moment überlegte Marc und schob ihm daraufhin das Tablett zu. »Ich bin satt.«
Ohne ein weiteres Wort stürzte sich Eric auf das Essen, und kaum hatte er angefangen, war er auch schon fertig. Interessiert beobachtete er Marc. »Wer hätte gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen? Deine Kippen hab ich heut nicht dabei. Wusste ja nicht, dass du ein Junkfood-Fetischist bist und wir uns hier sehen. Obwohl, du siehst mir eher wie der Steak- und Gemüse-Typ aus. Du scheinst viel Sport zu treiben.«
Marc lächelte. Er hatte keine Ahnung, was er von dem Wiedersehen halten sollte, aber er spürte, dass ihm Erics freche Art anfing zu gefallen. Eric redete nicht um den heißen Brei herum, sondern kam direkt auf den Punkt. Damit unterschied er sich von Marcs Freunden und Bekannten erheblich.
»Du wolltest bestimmt wieder zu Brad?«, erkundigte sich Eric. »Ich hab gehört, er soll gestern ein krummes Ding an einer Tanke gedreht haben. Wenn das stimmt, hat er sich echt schon alle Gehirnzellen herausgevögelt, der Idiot. Wie doof muss man dafür sein?«
»Wenn du mich fragst, hat Faulkner nicht alle Tassen im Schrank«, antwortete Marc instinktiv, obwohl es wohl keine Frage, sondern eher eine Feststellung war. »Uns kann es egal sein. Was machst du so?« Jetzt wollte er den Spieß umdrehen und mehr von Eric erfahren.
»Ich war gerade in der Nähe und hatte Hunger. Als ich vorbeigehe, sehe ich dich am Fenster sitzen. Das nenn ich Zufall.«
Marc nickte. Das waren nicht gerade viele Informationen. »Kommst du von der Arbeit?«
»Ja. Muss bald wieder los. Bei dem Wetter bleibt die Kundschaft zwar lieber zu Hause, aber was soll’s. Ich freue mich schon auf den Frühling, dann ist wieder mehr los und es gibt besseres Trinkgeld.«
Der Stich in Marcs Magengegend kehrte zurück. Im Geist erinnerte er sich gut an ihre erste Begegnung zurück, und welche Schlüsse er über Eric gezogen hatte. Seine Worte bestätigten nun seinen Verdacht. Eric war ein Stricher, aber Marc zog es vor, kein Wort darüber zu verlieren. Stattdessen nickte er und ließ das Thema auf sich beruhen.
»Warum bist du hier?« Eric beobachtete ihn gespannt.
Der Kerl wollte nicht locker lassen. Genauso wenig wollte er mehr über sich preisgeben als unbedingt notwendig. »Ähm …«, begann Marc zögerlich und überlegte. »Ich bin beruflich in der Gegend, mehr kann ich dir nicht sagen.«
Eric zuckte mit den Schultern. »Schon klar. Warte mal kurz, ich hole mir was zu essen.« Schon war er aufgesprungen und lief zur Bedienungstheke.
Das war für Marc die Gelegenheit zu verschwinden. Einerseits hätte er gern mehr über Eric erfahren, andererseits kam er sich albern vor. Sie kannten sich flüchtig, waren keine Freunde und dazu würde es auch niemals kommen. Er fand ihn zwar mittlerweile faszinierend, weil er sich völlig von den Leuten abhob, die er kannte, dennoch gab es nichts, was sie miteinander verband. Außerdem wartete zu Hause jede Menge Arbeit auf ihn. Hastig suchte er in der Hosentasche nach dem Handy und tat so, als würde er telefonieren.
»… kein Problem. Werde ich erledigen. Am besten komme ich gleich vorbei«, sagte Marc laut, als sich Eric mit einem Tablett in der Hand setzte. »Es tut mir leid, aber das war ein wichtiger Anruf.« Marc stand auf, zog seinen Mantel an, steckte das Handy ein und nahm den Aktenkoffer. »Ich muss dringend weg. Vielleicht sieht man sich wieder.«
»Vielleicht.« Eric schmunzelte und zeigte keine Spur von Enttäuschung. »Kann ich deine Cola austrinken?«
»Klar. Ist nicht mehr viel drin. Machs gut.« Marc hob die Hand zum Abschied und verließ das Fast Food-Restaurant. Er war versucht, über seine Schulter zurückzublicken, aber er kam sich idiotisch vor und sah stur geradeaus. Auf einmal schämte er sich für seinen fluchtartigen Abgang. Was hätte er tun sollen? Small Talk führen? Es war ohnehin zu spät. Er stand bereits auf dem Bürgersteig, und Eric schien seine Verabschiedung gelassen hingenommen zu haben, was ihn in seiner Entscheidung bestärkte. Also musste er sich keine unnötigen Gedanken machen. Stattdessen würde er ein letztes Mal bei dem Zeugen vorbeischauen und nach Hause fahren, wo ihn seine gemütliche Couch erwartete.

*

Eric schluckte den letzten Bissen hinunter und stand auf. Das penetrante Magenknurren hatte etwas nachgelassen, aber hungrig war er trotzdem noch. Mit den paar Pennys in der Hosentasche konnte er sich für heute jedoch nichts mehr kaufen.
Auf dem Nachhauseweg zündete er sich eine Zigarette an. Er musste aufpassen, aus Frust nicht die restlichen sechs Stück hintereinander aufzurauchen. Den nächsten Lohn gab es erst morgen und der war bereits weg, bevor er die Scheine überhaupt zählen konnte. Jede Woche das gleiche Spiel. Er hatte es verdammt satt!
Vor ein paar Minuten hätte er die Chance ergreifen können, Marc anzupumpen. Er hätte sich irgendeine blöde Ausrede einfallen lassen, und Marc hätte ihm sicherlich eine Fünfpfundnote gegeben. Diese einmalige Gelegenheit hatte er gehörig vermasselt. Alles, was er in den vergangenen Tagen ins Auge gefasst hatte, war schief gelaufen. Das war typisch für ihn. Einen Versuch wäre es wert gewesen, besonders weil er nicht jeden x-beliebigen Kerl anbettelte. Er hatte seinen Stolz.
Schließlich musste er an Marcs heillose Flucht denken und lachte. Marc hätte ihm nur sagen müssen, dass er seine Gesellschaft nicht wünschte, und Eric wäre vielleicht gegangen, aber wohl eher nicht. Schade eigentlich, denn Marc war ein interessanter und attraktiver Mann, der es durchaus wert war, ihn näher kennenzulernen.
In seiner Kindheit hatte Eric eine anständige Erziehung und Schulbildung genossen, nur half ihm beides momentan nicht weiter. Sein früheres Leben kam ihm wie ein schöner Traum vor. Von dem Aushilfsjob konnte er sich geradeso über Wasser halten, und die Männer, mit denen er eine schnelle Nummer schob, waren nicht mehr so spendierfreudig wie im Sommer. Wie lange würde er so weitermachen können? Norman saß ihm im Nacken. Norman hatte die Fäden in der Hand. Norman wusste über alles, was er tat, Bescheid. Ein Entkommen war unmöglich.
Eric erreichte das Wohnhaus, in dem er von Norman einen Schlafplatz zugeteilt bekommen hatte. Ein flüchtiger Blick in den vierten Stock sagte ihm, dass niemand zu Hause war. Es brannte kein Licht. Erleichtert kramte er den Schlüssel aus seiner Jackentasche und schloss die schwere Haustür auf. Bevor er die Treppe hinaufschlurfte, machte er beim Briefkasten halt. Werbung, Rechnung, wieder Werbung, wieder Rechnung, alles nicht für ihn. Zum Schluss fiel ihm eine kleine Karte aus der Hand. Neugierig hob er sie auf. Die Visitenkarte eines Rechtsanwalts!
Eric drehte sie um und fand auf der Rückseite eine Nachricht, die er mehrmals hintereinander las.

Sehr geehrter Mr Ainsworth, ich bitte Sie um dringende Kontaktaufnahme. Ich bin der neue Rechtsbeistand Ihres Vaters und muss dringend mit Ihnen sprechen. Bitte rufen Sie mich an oder kommen in der Kanzlei vorbei.

Mit freundlichen Grüßen
Finnley

Was in drei Teufelsnamen sollte denn dieser Mist? Der Name M. O. Finnley sagte ihm nichts. Er wusste nicht einmal, dass sein Vater einen neuen Anwalt hatte. Selbst wenn er es gewusst hätte, es hätte ihm nichts gebracht. Es änderte an seiner derzeitigen Lebenssituation überhaupt nichts.
Wutschnaubend knüllte er die Karte in der Hand zusammen und steckte sie in die Jackentasche. Mürrisch stapfte er die Treppen nach oben.

.

.

Kapitel 3

Marc wagte einen kurzen Blick auf die Uhr seines Computerbildschirms. Noch immer waren es vier Stunden bis zum wohlverdienten Feierabend. In zwei Tagen war endlich Wochenende. Heute zogen sich die Stunden schleppend dahin und nichts wollte ihm richtig von der Hand gehen. Er hegte bereits den Verdacht, dass die Uhr ihn absichtlich ärgerte, indem sie statt vorwärts einfach rückwärts lief. Umso sehnsüchtiger schielte er immer wieder zum Telefon. Ob Mr Ainsworths Sohn ihn heute anrufen würde? Seit einer Woche wartete er auf ein Lebenszeichen von ihm. Er hatte Fragen an ihn und hoffte auf Informationen, die aus den Unterlagen nicht hervorgingen. Persönliche Dinge, die ihm hoffentlich etwas mehr Klarheit verschaffen würden.
Es klopfte an der Bürotür, und Mary steckte den Kopf herein. »Sie haben Besuch«, verkündete sie formell. Es machte ihn stutzig, dass sie ihn nicht über das Telefon darüber informierte. »Haben Sie Zeit? Allerdings nennt mir der Besucher nicht sei…«
Marc wollte etwas erwidern, da schob sich ein junger Mann an Mary vorbei und huschte ins Büro, wo er wie angewurzelt stehen blieb. Die Augen vor Erstaunen weit aufgerissen.
Mary starrte den Besucher grimmig an. »Ist das in Ordnung?«, fragte sie mit scharfem Unterton.
»Ähm … was?« Marc starrte konsterniert auf den jungen Mann. Nachdem er die erste Verwirrung abgeschüttelt hatte, räusperte er sich. »Das geht in Ordnung. Danke, Mrs Driscol.« Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, wandte er sich dem unverschämten Eindringling zu. »Eric, was machst …«
»Noah«, unterbrach ihn Eric und nahm ungefragt auf dem Lederstuhl vor Marcs Schreibtisch Platz. »Mein Name ist Noah, und du wolltest dringend mit mir reden.« Dabei hielt er die verknitterte Visitenkarte in die Höhe und stopfte sie gleich darauf zurück in die Jackentasche.
»Noah Ainsworth?« Marc konnte nicht leugnen, irritiert zu sein. Als auch noch ein Nicken folgte, lehnte er sich sprachlos in seinem Bürostuhl zurück und holte einmal tief Luft. Das war eine gelungene Überraschung.
»Blitzmerker! Du bist also Dads neuer Anwalt«, stellte Noah alias Eric sachlich fest. »Dann steht das M auf der Visitenkarte für Marc.«
»Marcus«, verbesserte er. »Marc nennen mich meine Freunde.«
»Und was bin ich für dich?«
»Du bist der Sohn meines neuen Mandanten«, sagte Marc nüchtern. »Warum hast du mir gesagt, dein Name wäre Eric?«
»Weil mich jeder so nennt. Ich benutze meinen Geburtsnamen nicht, ist doch einfach. Ich bin Eric. Einfach Eric. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.« Der damit verbundene arrogante Gesichtsausdruck unterstrich die Ernsthaftigkeit seiner Worte. »Und was gibt es ach so furchtbar Dringendes, dass du mit mir reden musst?«
Da war sie wieder, Erics freche Art, und Marc konnte nicht anders, als zu lächeln. Gleichzeitig spürte er sein Interesse an dem Burschen wachsen. Faszination an der Person, die sich hinter dem Namen Eric verbarg.
»Okay. Fangen wir am besten von vorn an. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen, um mir ein besseres Bild über deinen Vater machen zu können. Am besten, bevor ich ihn im Gefängnis besuche. Manche Dinge ergeben für mich keinen Sinn.«
»Ist das wirklich nötig?« Eric zog eine Augenbraue nach oben und sah ihn skeptisch an. »Er sitzt für eine sehr lange Zeit im Knast. Warum ein neuer Anwalt? Das ergibt für mich keinen Sinn. Ich bin froh, dass die Sache endlich ein Ende hat. Das Einzige, was ich will, ist, das Ganze zu vergessen. Den Albtraum aus meinem Leben verbannen und gut ist. Ich hatte mit der Scheiße überhaupt nichts zu tun. Mein Problem war, dass ich sein Sohn bin. Im Klartext … ich will nicht über meinen Erzeuger reden! Vor allem will ich nichts mit ihm zu tun haben. Jetzt nicht und künftig noch weniger. Ist das bei dir angekommen?«
Marc war verunsichert und fassungslos. »Gehe ich richtig in der Annahme, dass du deinen Vater nicht magst?«
Augenblicklich wich Erics kecke Miene einem zornigen Ausdruck, und seine Schultern spannten sich an. »So kann man es natürlich auch ausdrücken. Ich will mit diesem skrupellosen Schwein nichts mehr zu tun haben. Mein Erzeuger hat sich in die Scheiße geritten. Soll er zusehen, wie er allein wieder rauskommt. Er hat mich vorher auch nie gefragt.« Eric ballte die Hände. »Keine Ahnung, wie es dir gehen würde, wenn du plötzlich von den miesen Geschäften deines Erzeugers erfährst. Kurz darauf ist alles, was du mal kanntest, nichts weiter als ein Traum. Dein Name wird in den Dreck gezogen. Überall, wo du hingehst, bringt dir der Name Schwierigkeiten. Wenn du es genau wissen willst … ich hasse ihn. Für mich ist er gestorben. Beantwortet das deine Fragen? Mehr werde ich dir nicht erzählen.«
Marc seufzte. Vor ein paar Minuten hatte er sich dieses Gespräch noch anders vorgestellt. Gewiss konnte er nicht abstreiten, dass er Erics Wut akzeptierte und respektierte. Er hätte sich in Grund und Boden geschämt, wenn sein Vater urplötzlich als Schwerverbrecher enttarnt worden wäre und die Welt in den Medien davon erfahren hätte. Aber Erics Vater war nun einmal sein Job, und in diesem Fall konnte er auf Eric keine Rücksicht nehmen.
»Es tut mir leid.« Marc blickte ihm mitfühlend in die Augen. »Ich kann es mir vorstellen, obwohl ich nie in solch einer Situation war. Ich denke, ich hätte meinem Vater nie wieder gegenübertreten können und mich für ihn geschämt. Aber glaub mir, ich tue nur meine Arbeit. Das verstehst du doch. Ich hab dich als netten, jungen Mann kennengelernt, der gern Small Talk mit fremden Männern führt.« Er zwinkerte ihm aufmunternd zu. »Lass es uns anders angehen. Ich möchte dich damit nicht ärgern, sondern nur ein paar Antworten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.«

*

Eric seufzte. Mit zusammengepressten Lippen starrte er zu Boden. Sein Vater und das Urteil waren für ihn ein rotes Tuch. Beides verfolgte ihn wie ein nicht enden wollender Albtraum. Nur die kleinste Erinnerung daran, und er wurde rasend vor Wut. Täglich versuchte er, seinen Hass mit größter Mühe zu verdrängen. So viel war seit der Verhaftung geschehen, noch viel mehr, bevor sein Vater in Untersuchungshaft gekommen war. Erics Leben war nichts mehr wert. Er fristete ein erbärmliches Dasein, das er früher niemals für möglich gehalten hätte. Er tat Dinge, für die er sich selbst hasste und verabscheute. Dafür sollte der wahre Schuldige in der Hölle schmoren. Er hatte ihm alles genommen und damit die Familie zerstört. Das Schicksal war ungerecht.
Eric wusste, dass Marc lediglich ein Anwalt und nur zufällig in die Sache mit hineingezogen worden war. Ihn durfte er nicht für seine Probleme verantwortlich machen.
»Sorry«, flüsterte Eric. »Die Sache ist nichts, worauf ich stolz bin. Klar kannst du nichts dafür. Ich bin nur so verdammt sauer, wenn ich daran denke.«
Langsam hob er den Blick und sah in Marcs strahlend blaue Augen. Sie versprühten Mitgefühl und Verständnis. Genau das gefiel ihm an dem Typen besonders. Eigentlich war der ganze Mann etwas Besonderes. Angefangen bei den kurzen braunen Haaren, den Händen, die weich und zärtlich wirkten. Der sportliche Körperbau und dieser feine Anzug vervollständigten das Bild eines attraktiven Mannes Anfang dreißig. Die Frauen standen sicherlich Schlange, um ihn für sich zu gewinnen.
»Okay«, sagte Eric und versuchte sich zusammenzureißen. »Fangen wir von vorn an.« Resigniert ließ er die Schultern hängen, so hatte er es wenigstens schneller hinter sich, denn er bezweifelte, dass Marc ihn in Ruhe lassen würde.

*

»Danke.« Marc lächelte und musterte Eric intensiver. Er trug immer noch dieselben Klamotten wie die letzten beiden Male. Im Licht seines Büros wirkte er blass und hatte Augenringe. Noch etwas fiel ihm auf. Eric saß verkrampft auf dem Stuhl und versuchte, sich nicht anzulehnen, was Marc wiederum merkwürdig fand. Ihm fielen die blauen Flecken und Striemen auf dem Rücken wieder ein, obwohl ihre erste Begegnung Tage zurücklag. Vermutlich hatte jemand erst kürzlich seine Wut an ihm ausgelassen. Dieser Gedanke brachte Marc sofort einen merkwürdigen Stich in der Magengegend ein.
Wieso jetzt und warum bei ihm?
»Ich mache dir einen Vorschlag«, sagte Marc aus einem Impuls heraus. »Hast du Lust, heute Abend etwas mit mir trinken zu gehen? Da lässt es sich besser reden als in einem stickigen Büro. Ich lade dich ein.«
Die Worte waren kaum ausgesprochen, da erhellte sich Erics Miene. »Du bezahlst? Ich bin dabei!« Er zwinkerte und stand auf. »Wann und wo?«
»Um sechs unten vor der Kanzlei.«
»Gut. So lange mache ich die Stadt unsicher.« Eric lachte, als wäre nichts geschehen und seine freche Art kehrte zurück. »Kannst du mir ein paar Kippen leihen? Du bekommst sie auch zurück.«
»Eric-Ehrenwort?«
»Du lernst schnell.« Grinsend streckte Eric die Hand aus. »Eric-Ehrenwort.«
Sie lachten, Marc holte aus seiner Hosentasche eine fast volle Zigarettenschachtel heraus und reichte sie weiter. »Lass mir noch ein paar übrig. Wir sehen uns um sechs.«
»Abgemacht.« Eric schnappte sich die Schachtel und eilte zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. »Ich fürchte, ich sollte mich bei deiner Sekretärin entschuldigen, ich habe sie überrumpelt. War nicht ihre Schuld. Bis später.« Mit diesen Worten verschwand er wie ein Wirbelwind aus Marcs Büro.

.

.

Kapitel 4

Pünktlich um sechs Uhr fuhr Marc den Computer herunter, steckte sein Notizbuch in den Aktenkoffer und zog den Mantel an. Niemals hätte er gedacht, dass die Zeit so schnell verfliegen konnte, wenn man sich auf etwas freute. Das hatte er Erics plötzlichem Auftauchen zu verdanken. Seine Laune war inzwischen so gut, dass er übers ganze Gesicht strahlte. Ehe er die Kanzlei jedoch verlassen konnte, hielt ihn Mary an der Tür auf.
»Du siehst aus, als hätte dich Nicole angerufen.«
»Ähm … nein«, gestand er und versuchte, eine ernste Miene zu machen. An Nicole hatte er den ganzen Nachmittag kein einziges Mal gedacht. Seine Arbeit hatte ihn vereinnahmt.
»Was ist es dann?« Neugierig sah sie ihn an.
»Nichts … es ist nichts.« Damit seine Lüge nicht aufflog, blickte er ihr in die Augen und lächelte liebevoll. »Ich habe einfach verdammt gute Laune, das ist alles.«
»Freut mich für dich.« Sie zwinkerte.
»Jetzt muss ich los. Mein Magen knurrt und will dringend mit etwas Leckerem gefüllt werden. Ich bin weg … schönen Abend.« Schnell schlüpfte er hinaus in den Hausflur und rannte die Treppe hinunter, bevor Mary hätte nachhaken können. Er hatte keine Lust auf weitere Erklärungen.

*

Eric wartete ungeduldig auf dem Bürgersteig. Den halben Nachmittag hatte er in der Kälte verbracht und inzwischen wollte er nur noch ins Warme. Normalerweise hätte er in einer Stunde arbeiten müssen, aber das Treffen mit Marc war ihm wichtiger. Er ignorierte den Gedanken daran und auch den damit verbundenen Ärger, den sein Fehlen unweigerlich mit sich bringen würde. Stattdessen spielte er mit einem anderen Gedanken. Wenn es ihm gelingen würde, Marc von dem Gespräch über seinen Vater abzulenken, würde er vielleicht mehr über ihn persönlich erfahren. Normalerweise war er wählerisch, was Männer anging, aber bei Marc machte er gern eine Ausnahme.
»Eric!« Grinsend drehte er sich um. Marc kam lächelnd auf ihn zu. Dieser Mann besaß wirklich etwas Faszinierendes. Er strahlte über das ganze Gesicht, war auf seine Art witzig und vor allem sah er verdammt heiß aus.
»Tut mir leid, es hat ein paar Minuten länger gedauert. Du wartest hoffentlich noch nicht lange?«
»Ach was.« Eric winkte lapidar ab und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Heute verzeihe ich dir … ausnahmsweise. Ich habe schrecklichen Kohldampf. Mein Magen hängt bestimmt schon in den Kniekehlen.«
»Das trifft sich gut, ich bin auch hungrig. Zuerst brauch ich aber eine Zigarette.«
»Warte … hier.« Stolz fischte Eric die geliehene Zigarettenschachtel aus der Jackentasche. An den Ecken war sie zerknittert. Mit einer eleganten Handbewegung überreichte er sie Marc.
»Da sind nur noch zwei drin!« Marc starrte in die offene Schachtel. Er holte sich eine heraus, zündete sie an, musterte Eric von oben bis unten und schüttelte den Kopf.
»Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an.« Eric verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. »Du hast gesagt, ich soll dir ein Paar übrig lassen. Ich habe dich beim Wort genommen. Es trifft ja keinen Armen.«
Marc schmunzelte. »Ist dir klar, wie ungesund das Zeug ist?«
»Sagt ein Raucher einem anderen. Schon klar, Doktor Finnley.« Eric lachte und klopfte ihm ein weiteres Mal auf die Schulter. »Lassen wir Kippen Kippen sein, es gibt etwas Wichtigeres. Ich habe Hunger!«

*

Der Kellner brachte den dritten Wodka Red Bull an ihren Tisch. Eric schüttete das Mixgetränk hinunter, als wäre es Limonade. Marc hingegen nippte gelegentlich an einem Glas Rotwein. Mittlerweile hatten sie das Lokal gewechselt. Nach einem guten japanischen Essen in einer angesagten Sushibar in der Londoner City, nicht weit von der Kanzlei entfernt, sodass sie zu Fuß gegangen waren, hatte Marc Eric in eine Bar eingeladen. Früher war er öfter mit Nicole hier gewesen. Marc wäre kein guter Anwalt, wenn er damit nicht einen genauen Plan verfolgen würde. Schon während des Essens hatte er festgestellt, je mehr Eric trank, – Shch, dreißig prozentiger japanischer Schnaps mit frischem Saft – desto gesprächiger wurde er. Leider war er geschickt genug, um immer wieder seinen Vater und sein Verhältnis zu ihm auszugrenzen. Dafür erfuhr Marc Dinge, nach denen er nie gefragt hätte. Das wiederum führte dazu, dass sein Interesse immer weiter geschürt wurde. Aus den bisher gesammelten Informationen entstand allmählich ein Gesamtbild.
Eric war einundzwanzig Jahre alt, liebte Schokolade, mochte kein Bier, war grundsätzlich pleite und fuhr deshalb ständig mit Bus und Bahn, ohne zu bezahlen. Er war vernarrt in Bücher und das Fotografieren. Hatte sogar vorgehabt, Fotografie zu studieren. Dann war der Tag gekommen, der sein Leben für immer verändert hatte. Vor seinen Augen war sein Vater verhaftet worden, und seit er die Gründe dafür kannte, hielt er sich von ihm fern. Trotz kleiner Anspielungen, die Marc in ihre Unterhaltung mit einfließen ließ, blockierte Eric. Schließlich hatte sich Marc entschieden, nicht weiter nachzubohren, sondern ihn auf eine fiese Art aus der Reserve zu locken.
Insgeheim schämte sich Marc für sein Vorhaben. So etwas machte man einfach nicht, aber er wusste sich nicht anders zu helfen. Er benötigte Erics Sicht der Dinge, um seine Unterlagen zu vervollständigen. Wenn er nicht unter Zeitdruck stehen würde, hätte er wohl nicht auf diese Methode zurückgegriffen. Das erste Gespräch mit seinem neuen Mandanten war am Freitag, und inzwischen war Mittwochabend.
Je offener Eric unter dem wachsenden Alkoholeinfluss aus seinem Leben erzählte, desto deutlicher kristallisierte sich heraus, dass etwas nicht stimmte. Nicht nur in Marcs neuem Fall, sondern auch bei Eric als Person schienen große Ungereimtheiten zu liegen. Ein Millionärssohn, der von Aushilfsjobs und dem ältesten Gewerbe der Welt lebte, diese Dinge passten nicht zusammen. Nur in einem Punkt war er sich ziemlich sicher. Er begann Eric aufrichtig zu mögen und wollte mehr von ihm in Erfahrung bringen.
Nach dem vierten Drink plauderte Eric ungezwungen über seine Homosexualität und seine bisherigen Liebschaften. Dieses Thema hinterließ bei Marc einen sonderbaren Beigeschmack. Er saß mit einem jungen und attraktiven, schwulen Mann in einer Bar und hörte sich dessen Beziehungsprobleme an, während er dabei an seine eigenen dachte. Obwohl die Sache mit Nicole an seinen verletzten Gefühlen zu ihr nagte, hatte er sie längst abgeschrieben.
»… dann hat Steve Josh getroffen und einen riesigen Aufstand gemacht«, plapperte Eric munter und riss Marc aus seinen Gedanken. »Am Ende habe ich wegen der Scheiße den Job verloren. Und die gute Kohle gleich mit.«
Die Worte waren kaum verklungen, da wurde Marc hellhörig. Er wusste nicht, warum und wieso, aber irgendetwas an Erics Worten ließ ihn nervös werden. Vermutlich war es der traurige Unterton in seiner Stimme gewesen. Oder es lag an dem deprimierten Gesichtsausdruck? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
»Was war das für ein Job?«
»Hatte ich dir das nicht gesagt?«, antwortete Eric mit einer Gegenfrage und zog eine Zigarette aus der Schachtel, die Marc unterwegs gekauft hatte. Sie saßen im Raucherbereich der Bar.
»Nein.«
»War nur ein billiger Lebensmittelladen … nichts Weltbewegendes. Der Chef hat mich nach Steves Auftritt hochkant rausgeworfen. Es hat fast zwei Wochen gedauert, bis ich einen neuen Job hatte. Ockley hat getobt. Ich konnte die Miete nicht zahlen. Und wenn er sauer wird, wird er zu einem …«, er unterbrach sich, zündete die Zigarette an und winkte schließlich ab. »Egal, ich habe einen neuen Job. Ockley bekommt sein Geld. Das war’s.«
An den Namen Ockley erinnerte sich Marc. Dieser hatte über dem Namen Ainsworth gestanden, als er ihn auf dem Klingelbrett gesucht hatte. »Du wohnst bei diesem Ockley zur Untermiete?«
»Schlaues Köpfchen.« Eric zwinkerte und trank sein Glas aus. »Der Typ ist unwichtig, vergiss ihn einfach.«
»Und was arbeitest du jetzt?« Bei dem Typen namens Ockley hatte Marc kein gutes Gefühl. Er konnte es sich nicht erklären, es kam direkt aus seinem Bauch. Vielleicht lag es auch an Erics Reaktion, der plötzlich den Blick senkte und aussah, als hätte er bereits mehr gesagt, als er wollte.
Einige Sekunden herrschte Schweigen zwischen ihnen, und gerade, als es begann, unangenehm zu werden, hob Eric den Kopf und lachte, als wäre nichts geschehen. »Wie wäre es mit Nachschub? Meine Kehle ist trocken. Am besten zwei von diesen Wodkadrinks, das Zeug schmeckt saugeil. Du bezahlst doch, oder?« Skeptisch zog er eine Augenbraue hoch und lehnte sich verschwörerisch über den Tisch. »Ich habe eine bessere Idee. Wie wäre es mit einer Runde Tequila?«
In diesem Moment bereute Marc seinen Plan. Sein Gegenüber schien keine Grenzen zu kennen, und inzwischen hatte er mehr getrunken, als gut für ihn war. Andererseits sagte sich Marc, dass Eric volljährig war und wusste, was er tat. Den Kater musste er morgen allein ausbaden.
»Lieber nicht durcheinander«, riet er ihm nach reiflicher Überlegung. »Du solltest nicht mehr so viel trinken. Für mich nur ein Wasser.«
Erics Augen glänzten. »Langweiler. Mir geht’s heute blendend.« Prompt bestellte er einen Longdrink und ein Glas Wasser bei der vorbeieilenden Bedienung. »Hab ich dir schon gesagt, dass du ein cooler Typ bist? Nur an deinem Humor musst du ein bisschen arbeiten. Vielleicht nicht immer den Spießer raushängen lassen. Und hin und wieder ein bisschen Spaß, das kann nie schaden. Ansonsten bist du echt nicht verkehrt. Nimm’s mir nicht übel, aber wenn du nicht gerade einen Anzug trägst, siehst du bestimmt rattenscharf aus.« Er grinste frech, drückte die aufgerauchte Zigarette aus und lehnte sich bequem auf dem Stuhl zurück.
»Ähm … danke.« Marc spürte die Verlegenheit in sein Gesicht schießen. Gleichzeitig fühlte er sich mies. Er nutzte Erics benebelten Zustand, um seinen Wissensdurst zu stillen. Marc kannte die Tücken des Getränkes, das Eric als saugeil bezeichnete, er offenbar nicht. Der Alkohol machte sich langsam bemerkbar, bis er augenblicklich und ohne Gnade zuschlug. Zugegeben, sein schlechtes Gewissen war nicht so groß wie seine Neugier. »Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
»Ähm … we… welche Frage?« Eric bekam allmählich Schwierigkeiten beim Sprechen.
»Was arbeitest du jetzt?«
»Achsooooo … in ’ner Küüüüche vom Krankenhaus.« Wieder grinste er keck. »Das dreckige Geschirr spülen. Bähhhh … eklig, sag ich dir. Springt nicht viel Kohle raus. Abends häng ich in ’ner Kneipe rum, oder auf der Straße. Die alten Säcke grapschen mir immer an den Arsch. Voll die notgeilen Opas.«
»Grapsch doch zurück«, sagte Marc und lachte, bis ihm klar wurde, was Eric damit ausdrückte.
»Wenn die Kohle nisch reicht, bleibt es nisch beim Fummeln. Für dreißig blas ich denen einen. Für fünfzig dürfen sie an meinen Arsch. Haste schon mal das Gestöhne gehört? Manche japsen, als würden sie gleich abkratzen.«
Da war er wieder, der Stich in Marcs Magengegend. Obwohl er mit dieser Erklärung längst gerechnet hatte, wurde er von diesen Worten regelrecht überrollt. Für ihn war es eine Sache, Dinge zu erahnen, aber sie aus dem Mund des Menschen zu hören, für den er bereits nach kurzer Zeit Sympathien hegte, war etwas vollkommen anderes. Marc verspürte Mitleid mit Eric und musste an dessen Herkunft denken. Er war der Sohn eines erfolgreichen und millionenschweren Baumagnaten und verkaufte heute seinen Körper für Geld. Eric war tief gefallen. Jener letzte Gedanke warf eine weitere Frage auf, über die Marc bisher nicht nachgedacht hatte. Warum war Eric nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten? Egal, ob er seinen Vater liebte oder hasste, die Firma bestand weiterhin. Soweit Marc bekannt war, hatte die Firma einen neuen Geschäftsführer und nahm Großprojekte in Großbritannien und der Welt an, sogar Millionengeschäfte in arabischen Ländern.
»Aber weischt du, wer mir noch nieeeee an den Arssscsshhhh gefassst hat?«, lallte Eric, und Marc schenkte ihm seine volle Aufmerksamkeit.
»Wer?«
»Norman!« Während er das sagte, hob er ungelenk einen Zeigefinger. Der Alkohol entfaltete offenbar seine tückische Wirkung. »Norman laaasss isch in hundert Jahrn nisch dran. Der kann misch durch die Jegend hetzen, aber meinen Arsssccchhhh kriegt der nisch.«
»Wer ist Norman?«
»Psssssscht … das darf isch nisch saaageeen.« Dabei legte er den Zeigefinger auf den Mund, zumindest versuchte er es, denn er traf die Nase. »Isch haaasssssse ihn. Er isch ein Dieb. Jaaaa … ein gemeiner Dieb. Er hört alles uuuund sieht alles. Deeer hat meine …« Mitten im Satz brach Eric ab und trank sein Glas leer. Er gähnte und schloss einen Moment die Augen.
Obwohl Marc gern mehr über diesen Norman erfahren hätte, zog er einen Schlussstrich unter den Abend. Eric hatte genug getrunken und gehörte dringend ins Bett. »Weißt du …«, sagte er und beobachtete Eric, der schläfrig die Augen öffnete und auf dem Stuhl leicht zur Seite kippte. »Ich fahre dich nach Hause. Dort bist du am besten aufgehoben.« Der anschließende Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er vor zwei Uhr früh sicherlich nicht im Bett liegen würde, aber er konnte Eric nicht allein mit der Bahn fahren lassen.
»Darf isch … isch schlaaafffeeen?« Eric gähnte und fuhr sich erschöpft übers Gesicht. »Isch bin sooooooo müde.«
»Gleich. Zuerst bringe ich dich an die frische Luft. Danach geht es dir bestimmt ein bisschen besser. Warte hier, ich gehe bezahlen.«
Ein wenig beschämt darüber, nicht rechtzeitig die Bremse gezogen zu haben, stand Marc auf und bezahlte an der Theke. Als er zurückkam, half er Eric, die Jacke anzuziehen. Auf dem Weg nach draußen warf er sich seinen Mantel über und hielt Eric fest an sich gedrückt. Zum Glück waren es bis zur Tiefgarage nur ein paar Schritte, die dennoch nicht einfach zu bewältigen waren. Eric konnte kaum gerade gehen, blieb immer wieder stehen und summte vor sich hin. Dabei versuchte er ständig, sich Marc an den Hals zu werfen, was die Sache nicht einfacher machte.
Nach einer Viertelstunde erreichte Marc mit ihm endlich den Mercedes und seufzte erleichtert. Obgleich Eric ein Fliegengewicht war, hatte er das Gefühl, dass er auf den letzten Metern immer schwerer geworden war.
»Wir haben es geschafft.« Marc öffnete die Beifahrertür.
»Du bist süüüß«, hauchte Eric ihm ins Ohr und kuschelte sich an seine Brust.
»Ähm …«, mehr brachte Marc nicht über die Lippen und spürte seine Wangen glühen. Peinlich berührt klopfte er Eric leicht auf den Rücken. »Komm schon, rein mit dir.«
»Du bist süüüß«, wiederholte Eric, lächelte und ließ sich auf den Sitz fallen.
Marcs Wangen schienen in Flammen zu stehen. So etwas war ihm noch nie passiert. Er beschloss, diese delikate Situation Eric gegenüber nie zu erwähnen. Als er schließlich auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte, erwartete ihn eine weitere Überraschung. Eric saß zusammengesunken auf dem Autositz, sein Kopf lag auf der Seite, und er war friedlich eingeschlafen. Das würde noch interessant werden. Marc startete den Motor.

*

Ein aufdringliches und penetrantes Klopfen hämmerte wild und rücksichtslos in Erics Schädel. Es fühlte sich an, als würde der Schlagzeuger seiner Lieblingsband ein besonderes Solostück zum Besten geben, mit dem Unterschied, dass sein Kopf das Schlagzeug war. Stöhnend drehte er sich zur Seite und wollte dem Schmerz entfliehen, indem er wieder einschlief. Seine Drehung hatte allerdings zur Folge, dass er den Halt verlor und mit Schwung zu Boden fiel. Sein überraschender Sturz wurde zum Glück von einem flauschigen Teppich abgefedert.
»Verdammte Scheiße«, brüllte er.
Augenblicklich war er hellwach. Keuchend quälte er sich in eine sitzende Position, wobei er glaubte, jeder Knochen in seinem Körper wäre mit Zement gefüllt, so schwer fühlte er sich an. Schlimmer waren die Schmerzen, die seinen Kopf durch den abrupten Fall wie einen Presslufthammer bearbeiteten.
Eric schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. Das half ihm sonst immer. Den schalen Geschmack auf der Zunge und die leichte Übelkeit versuchte er, geflissentlich zu ignorieren. Seufzend blieb er sitzen und wartete verzweifelt auf Besserung.
»Guten Morgen«, überraschte ihn eine Stimme. Er öffnete die Augen und sah Marcs amüsiertes Lächeln.
»Was ist an dem Morgen gut?«, brummte Eric übellaunig und ließ sich von Marc aufhelfen, nur um gleich darauf wieder auf der Couch Platz zu nehmen. »Was machst du hier?«
»Zufälligerweise wohne ich hier, wenn’s dem gnädigen Herrn recht ist.« Marc lachte und reichte ihm ein Glas Wasser und zwei Kopfschmerztabletten. »Nimm die, dann müsste es dir bald besser gehen. Das sind die stärksten, die ich habe. Helfen beim schlimmsten Kater.«
Irritiert nahm Eric die Tabletten und spülte sie mit dem Wasser hinunter. Er gab das Wasserglas zurück und blickte sich um. Ein geräumiges und helles Wohnzimmer mit Kamin und großer Fensterfront begrüßte ihn. Er saß auf einer weißen Ledercouch, Marc auf einem Sessel ihm gegenüber. Der Raum war modern eingerichtet. Solch einen Luxus hatte er schon länger nicht mehr zu Gesicht bekommen. Glasregale mit allerlei teurem Schnickschnack, ein Buchregal mit ordentlich eingeräumten Büchern und Bildbänden und eine noble Hi-Fi-Anlage. Dazu ein großer Flachbildschirm an der Wand. Eric glaubte sich im Paradies. Der Anblick erinnerte ihn wehmütig an sein früheres Leben.
»Ähm … wieso bin ich bei dir?«
»Du bist gestern in meinem Auto eingeschlafen«, sagte Marc. »Ich hatte versucht, dich zu wecken, aber selbst ein Stein hätte nicht fester schlafen können. Deswegen habe ich dich kurzerhand mit zu mir genommen. Trinkst du Kaffee oder lieber Tee?«
»Kaffee … schwarz.«
»Kaffee, schwarz, kommt sofort.« Marc stand auf, verbeugte sich wie ein Butler und zeigte in Richtung Flur. »Wenn du duschen willst, die Treppe hoch und die zweite Tür links. Ich bin in der Küche. Einfach dem Duft folgen.«
Marc ließ Eric allein zurück, der versuchte, sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Es gab jedoch nicht viel, was seine vernebelten Gehirnwindungen in seinem momentanen Zustand ausspuckten. Lediglich ein paar vereinzelte Erinnerungsfetzen tauchten vor seinem geistigen Auge auf, die jedoch nicht ausreichten, um sich ein klares Bild zu verschaffen. Auf jeden Fall war es ihm peinlich. Bisher war er nie nach einem Vollrausch bei jemand anderem aufgewacht. Davon abgesehen war Marc nicht irgendjemand. Wenn er sich das recht überlegte, gefiel es ihm, auf dessen Couch geschlafen zu haben. Dieses schmucke Häuschen war eine kleine Extrazugabe. Allein in Marcs Nähe zu sein, beschleunigte seinen Herzschlag, und die Kopfschmerzen rückten in den Hintergrund. Schließlich übernahm sein Wissensdurst seine Handlungen. Wenn er schon zu Hause bei Marc war, wollte er die Gelegenheit nutzen und sich umsehen.
Langsam schlurfte Eric in den Flur und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. Sein erster Abstecher war das Schlafzimmer. Dort begrüßten ihn ein Doppelbett, eine Kommode, zwei Nachttische und ein riesiger Kleiderschrank, der eine Wand einnahm. Hinter der Tür entdeckte er einen mannshohen Spiegel.
Anerkennend stieß er einen Pfiff aus. Die Neugier wuchs, und er konnte das Kribbeln in den Fingern nicht länger ignorieren. Er ging zum Schrank und öffnete die Türen eine nach der anderen. Mit geübtem Blick durchstöberte er Fach für Fach. Frauenkleider, Dessous und High Heels kamen zum Vorschein. Das war nichts für ihn. Erst bei den letzten beiden Türen hatte er Erfolg. Marc besaß etliche feine Anzüge, Hemden in verschiedenen Farben und eine Menge unterschiedliche Krawatten. Auch Sportkleidung, Jeans und T-Shirts gab es zur Genüge. Damit stand für Eric fest, im Kleiderschrank punktete Marc ebenso hoch wie in Sachen stilvoller Einrichtung.
Damit hatte Eric vorerst genug erkundet. Im Badezimmer stach ihm zuerst eine große Eckbadewanne ins Auge. Zwei Waschbecken, eine separate Dusche und eine abgeteilte Toilette beherbergte der Raum ebenfalls. Alles erstrahlte in hellem Marmor, und zwei große Spiegel vervollständigten das Bild. Einer hing quer über den Waschbecken, ein mannshoher war hinter der Tür versteckt. Interessiert begab sich Eric weiter auf Entdeckungstour und durchsuchte Marcs Sachen akribisch. Für einen Mann besaß er unglaublich viele Cremedöschen und mehrere Flaschen Eau de Toilette, die sorgfältig aufgereiht auf einem gläsernen Wandregal standen. Bei der Vorstellung, wie Marc vor dem Spiegel stehen würde, sich rasierte, einparfümierte und stylte, musste er lachen.
Nachdem Eric jede einzelne Creme und jedes Parfümfläschchen ausprobierte hatte, wollte er duschen. Seine letzte Dusche lag Tage zurück. Deshalb entledigte er sich eilig seiner Klamotten und stieg unter den warmen Wasserstrahl.
Wie von einem Blitzstrahl getroffen durchzuckten ihn brennende Schmerzen, und er erwachte aus seinem Tagtraum. Als das Wasser auf seinen Brustkorb und den Rücken prasselte, wurde er in die harte Wirklichkeit geschleudert. Schlagartig erinnerte er sich, von wem die Blutergüsse und Prellungen stammten und warum er als Punchingball hatte herhalten müssen. Die stumpfen Verletzungen waren nicht einmal einen Tag alt, aber er wünschte sich, sie wären längst verschwunden. Er hasste Dylan dafür. Noch mehr verabscheute er Norman, weil er Dylan den Auftrag dafür erteilt hatte, während er danebengestanden und amüsiert zugesehen hatte.
Norman, der immer wusste, wo er war und was er tat. Genauso gestern, als Norman ihn vor der Anwaltskanzlei auf der Straße abgefangen hatte, um mit ihm eine Spritztour durch die Londoner Innenstadt zu machen, die in einer Seitengasse geendet hatte. Dylan und Norman waren ausgestiegen, er wurde aus dem Wagen gezerrt und gegen eine Hausmauer gestoßen. Ockley hatte ihm auf Normans Geheiß mit Tritten verdeutlicht, was ihn erwartete, wenn er Marc auch nur ein Wort erzählte.
Eines Tages würde er es den beiden heimzahlen. Das schwor er sich immer wieder aufs Neue. Irgendwann, wenn dieser Spuk ein Ende finden würde. Bis dahin musste er versuchen, zu überleben. Mehrmals hatte er mit dem Gedanken an Flucht gespielt. Heimlich abhauen und London für immer den Rücken kehren. Irgendwo untertauchen und ein neues Leben anfangen. Solange niemand wusste, wo er sich versteckte, würde Norman ihn hoffentlich nicht finden.
Gedanklich freundete sich Eric seit Monaten mit diesem Plan an, aber seine Angst hinderte ihn daran, ihn tatsächlich in die Tat umzusetzen. Es steckte viel mehr dahinter. Wo sollte er hin, ohne Geld, mit nichts als seinen Klamotten am Leib in einer fremden Stadt? In Holloway hatte er immerhin ein Dach über dem Kopf und manchmal auch etwas zu essen. Momentan musste er bleiben, wo er war, und weiterkämpfen. So schnell würde Norman ihn niemals in die Knie zwingen.

Zwanzig Minuten später schlenderte Eric frisch geduscht und angezogen die Treppe nach unten und fühlte sich fast wie neugeboren. Die blauen Flecke waren wieder vergessen, dafür pochte sein Kopf noch leicht. In nächster Zeit wollte er um Alkohol einen großen Bogen machen, auf den Kater danach konnte er getrost verzichten.
»Danke für die Dusche.« Nicht mehr ganz so mürrisch betrat Eric die Küche.
Marc saß an einem Glastisch. Vor ihm stand eine Tasse wohlriechender Kaffee. Der Duft erfüllte den Raum. Er blätterte in der aufgeschlagenen Tageszeitung. Als er Eric wahrnahm, bedachte er ihn mit einem aufmunternden Lächeln. »Schon okay. Setz dich. Ich hoffe, der Kaffee ist nicht zu stark. Wenn du etwas essen willst, musst du es mir nur sagen.«
»Danke, der Kaffee reicht mir.« Eric nahm gegenüber Marc Platz, wo bereits eine volle Tasse für ihn bereitstand. Zufrieden trank er den ersten Schluck und fühlte sich gleich besser. Kaffee hatte schon immer seine Lebensgeister geweckt. »Sag mal, musst du heute nicht arbeiten?«
»Doch. Aber ich habe in der Kanzlei angerufen und gesagt, dass es ein wenig später wird. Immerhin ist es schon acht Uhr.«
Eric nahm die Nachricht mit einem Nicken hin und kramte in seiner Hosentasche, bis ihm einfiel, dass er keine Zigaretten mehr hatte.
Marc, der vorausgeahnt hatte, was er suchte, legte die Zeitung beiseite und schob ihm seine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug zu. »Kannst sie behalten.«
Strahlend nahm er beides entgegen und zündete sich eine an. »Jetzt ist der Morgen gerettet. Wo ist deine Freundin?« Suchend sah er sich in der modernen Küche um. »In welchem Stadtteil sind wir hier eigentlich?«
»In Lewisham«, antwortete Marc. »Also ein gutes Stück von Holloway und der City entfernt.« Er trank einen Schluck Kaffee und blickte Eric in die Augen. »Nicole ist eigentlich meine Verlobte«, sagte er und lächelte zaghaft, was ihm misslang. »Inzwischen würde ich sie eher als Ex-Verlobte bezeichnen. Sie ist abgehauen und für einige Wochen zu ihren Eltern gefahren. Wir haben noch nicht offiziell Schluss gemacht. Wenn sie es nicht bald tut, tu ich es. Kurz gesagt, es ist ein bisschen kompliziert.«
»Okay.« Eric nickte und spürte eine gewisse Freude. Die zeigte er Marc jedoch nicht und ließ das Thema auf sich beruhen. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Kaffee und genoss die Zigarette.
»Wenn du fertig bist, fahre ich dich in die City. Ist das in Ordnung?« Marc trank seine Tasse aus und beobachtete Eric aufmerksam. »Für mich wird es Zeit, loszufahren, sonst muss ich heute wieder Überstunden machen.«
»Ja … ja, klar«, murmelte Eric in die Kaffeetasse hinein und konnte somit seine Enttäuschung verschleiern. Jetzt, wo er einmal hier war, wollte er ungern wieder weg. Sie waren endlich allein und ungestört, und er wäre gern länger geblieben, um Marc ein wenig näher kennenzulernen. Seine Sympathie für ihn war seit dem gestrigen Abend gestiegen. Auf ihn wartete jedoch ebenfalls Arbeit. Er war heute Morgen nicht in der Krankenhausküche aufgetaucht. Die Folgen seines Fehlens waren vorprogrammiert, und er verwarf seinen Wunsch, die Zeit bis zur Abfahrt hinauszuzögern. Je länger er Dylan im Ungewissen lassen würde, umso schlimmer fiel die Strafe aus, wenn er zurückkam.

.

© Jana Martens

.

.

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s