Kurzgeschichte „Es geschah im Advent“

 

 

cover-es-geschah-im-advenGenre: Gay-Romance

Kurzbeschreibung:

Sean – der Besitzer des berühmten Men’s Club Black Desire“ hat eine schicksalshafte Begegnung mit dem Stricher Finn.
Eine süße Geschichte fürs Herz.

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»Verdammt, Sean!«, rief eine schrille Frauenstimme durch das schmucke Wohnzimmer. »Du hast es doch selbst herausgefordert. Immer hast du nur deine Arbeit im Kopf. Jetzt wunder dich nicht, dass ich mir einen anderen für sinnliche Stunden gesucht habe.«

»Halt den Mund und erzähle deine Lügen deinem neuen Lover da drüben«, antwortete ihr ein hoch gewachsener junger Mann mit schwarzen Haaren, die ihm leicht verwuschelt vom Kopf abstanden und ihm einen verwegenen Ausdruck verliehen. Seinen athletischen Körper schmückte ein schicker dunkler Anzug. Eilig schnappte er sich seinen Wintermantel, in den er so schnell wieder schlüpfte, wie er ihn vor zwei Minuten erst ausgezogen hatte. Das war, bevor er seine Freundin mit einem fremden Mann in eindeutiger Stellung und laut stöhnend im Bett vorgefunden hatte.

Sean Ashton war der sprichwörtliche Kragen geplatzt. Schon seit Wochen vermutete er, dass Sarah fremd ging, und heute – ausgerechnet am Nikolaustag – hatte er sie bei der gemeinsamen Bettgymnastik mit einem blonden Schönling erwischt.

»Sean, du kannst doch jetzt nicht einfach gehen?«, jammerte Sarah, fiel vor ihm auf die Knie und schaute ihn entsetzt an. »Bitte, verzeih mir!«

»Ganz. Bestimmt. Nicht.« Wutschnaubend trat Sean zwei Schritte von ihr zurück. In den Augenwinkeln sah er ihren neuen Lover aus der Haustür huschen.

»Du lässt mich nicht alleine«, flehte Sarah und robbte kniend auf ihn zu. »Wir lieben uns doch.«

»Ach ja?« Skeptisch zog Sean eine Augenbraue nach oben und schenkte ihr einen abfälligen Blick. »Hör mit deinem Geflenne auf, du kleines Flittchen!«, keifte er und machte auf dem Absatz kehrt. »Wir zwei gehen ab heute getrennte Wege. Such dir jemand anderen für deine Spielchen. Wir zwei sind fertig!«

Während er zur Haustür lief, hörte er seine Ex-Freundin hinter ihm herrufen: »Wenn du jetzt gehst, bringe ich mich um!«

»Ich lasse mich nicht erpressen!« Das war alles, was er noch für sie übrig hatte, er trat hinaus in den Hausflur und zog die Tür hinter sich mit voller Wucht zu. Dann ging er zur gegenüberliegenden Wand und schlug einmal heftig mit der Faust dagegen, nur um jaulend seine Hand zurückzuziehen und sich die schmerzenden Knöchel zu reiben.

»Verdammt! Verdammt! Verdammt!« Zornig schüttelte er mehrmals den Kopf.

Wie konnte er nur so dumm sein und sich wieder betrügen lassen? Das war nun die dritte Beziehung innerhalb von zwei Jahren, die nach drei Monaten in die Brüche gegangen war. Lag es vielleicht wirklich an seinem Job? Oder war es einfach nur sein Geld, das die Frauen anzog? Er dachte an ein bekanntes Sprichwort: ‚Geld allein macht nicht glücklich’, und davon besaß er mehr als genug. Als Besitzer einer angesehenen und äußerst profitablen Hostagentur für homosexuelle Kundschaft, die sein verstorbener Vater vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen und in der er seit fünf Jahren den Platz als Chef eingenommen hatte, war er mit seinen vierunddreißig Jahren ein begehrter Junggeselle.

Sean seufzte, verdrängte alle unliebsamen Gedanken und stieg kurz darauf in den Aufzug. Schnell sprangen die rot blinkenden Ziffern von sechs auf drei. Der Aufzug hielt an, und die Tür öffnete sich. Wie aus heiterem Himmel stürzte ein blonder, junger Mann hinein und kollidierte geradewegs mit Sean, der vor Schreck nach hinten taumelte.

»Oh. ’Tschuldigung«, stieß der Fremde aus und blickte ihn peinlich berührt an.

Seans smaragdgrüne Augen trafen auf funkelnde, stahlblaue. Sie waren gerötet. Er musste erst vor Kurzem geweint haben, denn sie waren auch leicht geschwollen.

Sean wollte ihn mit einem Lächeln beruhigen und sagen, er müsse sich nicht entschuldigen, schließlich wäre nichts passiert, da war der Aufzug schon im Erdgeschoss angekommen. Der junge Mann stürmte wie von einer Tarantel gestochen hinaus. Er sah ihn gerade noch durch die gläserne Einhangshalle ins Freie rennen.

»Ähm … macht nichts«, murmelte Sean Ashton und schüttelte verwirrt den Kopf.

Dieser Typ war schon ein komischer Kauz. Einen Moment überlegte er, ob er ihm nachlaufen und fragen sollte, ob er ihm vielleicht behilflich sein könnte. In seinem Zustand könnte er womöglich über die Straße laufen und …

Plötzlich schreckte ihn ein lauter Schrei auf. Alarmiert eilte Sean durch die Glastür ins Freie, und da entdeckte er ihn. Der Blonde lag bewusstlos mitten auf dem Gehweg.

Bestürzt kniete er sich neben ihn und fühlte den Puls. Er lebte. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Blut sah er nirgendwo, außer einer kleinen Schramme auf der Stirn. Neben dem Mann lagen Tonscherben, Blumenerde, sowie eine abgebrochene Pflanze und Margaritenblüten.

Gerade als er die Beweise zu einem Ganzen zusammensetzte, hörte Sean von oben Sarah panisch schreien. Wütend wanderte sein Blick hinauf. Am Balkon stand seine Ex-Freundin, die im selben Moment wieder in der Wohnung verschwand, als sie ihn entdeckte.

»Du bist eine blöde Kuh!«, rief er aufgebracht.

Dieser Blumentopf war eigentlich für seinen Kopf bestimmt gewesen, wurde ihm bewusst.

Am liebsten wäre er sofort zur ihr zurückgekehrt und hätte ihr ordentlich die Leviten gelesen, was ihr einfällt, etwas aus dem sechsten Stock nach unten zu werfen. Aus dieser Höhe konnte alles Mögliche als tödliches Geschoss dienen. Doch er nahm davon Abstand, denn der Mann benötigte dringend Hilfe.

Trotz einer ordentlichen Portion Wut im Bauch, zögerte er nicht lange, hob den bewusstlosen Körper auf, mit dem Ziel, ihn in ein Krankenhaus zu bringen.

~*~

»Das CT ist absolut unauffällig. Außer der Schramme an der Stirn und einer kleinen Beule am Hinterkopf geht es ihm gut. Er hat auch keine Gehirnerschütterung«, erklärte ein dunkelhäutiger und sehr attraktiver Arzt in Seans Alter. Beide sahen sich verstehend in die Augen.

Der Arzt in der Notaufnahme des Krankenhauses war Lian Ward. Seans bester Freund. Sie kannten sich bereits aus dem Sandkasten, und ihre Freundschaft hatte bisher nichts und niemand auseinander gebracht. Lian war auch die erste Person gewesen, die Sean nach dem tragischen Unfall in den Sinn gekommen war.

Beide standen neben dem Krankenbett, in dem der fremde Mann mit einem Pflaster auf der Stirn friedlich schlief. Seine dünne und aufreizende Kleidung – bestehend aus einer schwarzen, ausgefransten Jeans mit Löchern und einem engen olivefarbenen T-Shirt, welches auch schon bessere Tage gesehen hatte – sagte Sean schon einiges, aber im Prinzip war es ihm egal.

»Hey, Kumpel«, riss Lian seinen Freund aus den Gedanken und wedelte wild mit den Händen und einem breiten Grinsen vor seinem Gesicht herum.

»Hör auf«, gab Sean ruppig zurück und drehte sich demonstrativ zur Seite. Doch Lian folgte ihm.

»Mal abgesehen davon, dass du diesen Kerl hierher gebracht hast und seine Arztrechnung zahlst …«, meinte Lian und wurde ernst. »Und mal abgesehen davon, dass wir beide nicht einmal den Namen von diesem Typen wissen, der keinen Geldbeutel oder Ausweis mit sich herum trägt …«

»Komm zum Punkt, ich habe noch wichtigere Dinge zu tun«, unterbrach Sean ihn und unterstrich seine Worte mit einer eindeutigen Geste.

»Ja … schon gut.« Lian gab sich geschlagen, der es ansonsten so sehr liebte, seinen besten Freund zu ärgern und ihn aufzuziehen. Allerdings wusste er auch, dass Sean momentan nicht zu Scherzen aufgelegt war. In diesem Fall sollte niemand ihn unnötig reizen. »Wie ist das Ganze überhaupt passiert?«

In aller Kürze erzählte Sean Ashton von seinem Zusammentreffen mit seiner Ex-Freundin, und wie es anschließend zu diesem Unfall gekommen war. Am Ende setzte er sich seufzend auf einen Stuhl, der am Fenster stand, und blickte hinaus. Die Lichter der Londoner City erhellten den Nachthimmel und erinnerten ihn daran, dass ihm allmählich die Zeit davon lief. Sam, seine rechte Hand, erwartete heute noch dringend seine Anwesenheit im Büro.

»Sean …«, sagte Lian und kam zu ihm hinüber gelaufen. Dort blieb er neben ihm stehen. »Glaubst du nicht, dass es doch langsam Zeit wird, deine Vorliebe für immer zu wechseln. Sieh mal …«

»Was meinst du?« Sean stierte ihn überrascht an, was Lian ein breites Grinsen entlockte.

»Mit Frauen hast du einfach kein Glück. Mit Männern hattest du bisher immer nur lockere Affären und One-Night-Stands, aber die haben dich bisher nie enttäuscht«, fasste Lian sein bisheriges Liebesleben zusammen. »Wieso schnappst du dir nicht einfach einen deiner Jungs? Ich weiß, dass du Adrian nicht verschmähst und er dich auch nicht. Also, was hindert dich daran?«

»Lian«, schnauzte er ihn mit ärgerlichem Unterton an, stand auf und schnappte sich seinen Mantel, der am Bettende über dem eisernen Gestell hing. Mit schnellen Schritten lief er in den Flur. Lian folgte ihm auf dem Fuß und holte ihn am Aufzug ein.

»Sag jetzt nichts Falsches«, stoppte ihn Sean, bevor sein Freund den Mund aufmachen konnte. »Adrian arbeitet für das Dark Desire, somit für mich. Ich werde niemals mit jemandem einen Flirt anfangen, der für mich arbeitet. Das weißt du ganz genau. Also lass den Mist und kümmere dich lieber um deine Patienten.«

~*~

Kaum hatte Sean geendet, schob er Lian zur Seite und stieg in den Aufzug ein. Sein dunkelhäutiger Freund blieb sprachlos und mit offenem Mund zurück, bis Sean aus seinem Sichtfeld verschwunden war. Resigniert schüttelte Lian immer wieder geistesabwesend den Kopf. Sean wollte es einfach nicht wahrhaben, obwohl sie schon oft über dieses Thema gesprochen hatten. Sarah hatte es ihm heute wieder bewiesen. Sean fühlte sich nur in den Armen eines Mannes als ganzer Mann. In diesem Punkt konnten beide noch so oft streiten. Doch er hatte Augen im Kopf und kannte Sean in- und auswendig. Schon ein Blick genügte, um zu wissen, was in ihm vorging. Aber auf ihn hörte er mal wieder nicht, typisch. Er musste es zuerst am eigenen Körper spüren. Seufzend machte Lian auf dem Absatz kehrt und ging zurück ins Krankenzimmer des mysteriösen Fremden.

Dieser war verschwunden. Das Bett war leer, während alles darauf hindeutete, dass er sich hastig davongestohlen hatte.

»Heute sind alle verrückt«, murmelte Lian und lief zum Fenster. Von oben sah er Sean, der in Richtung Parkhaus marschierte. Nur einen Augenblick später huschte der junge Mann auf dem gegenüberliegenden Gehweg in die andere Richtung davon. Im Stillen wünschte er den beiden unabhängig voneinander Glück.

~*~

Zwei Tage später bog Sean mit seinem schwarzen BMW X6 von der Hauptstraße in eine Seitenstraße ab, die er oft benutzte, wenn er den dichten Londoner Verkehr umgehen wollte. Diese Strecke war um einige Kilometer weiter, aber dafür frei. Allerdings führte sie durch einen ärmlichen Teil des Londoner East Ends.

Ein kurzer Blick auf die Uhr im Armaturenbrett verriet ihm, dass er seit einer Stunde schon im Büro hätte sein müssen. Sam Blackfield wartete sicherlich ungeduldig im Dark Desire auf ihn, und würde ihn rügen, weil er wie immer zu spät war. Obwohl Sean Ashton eigentlich das Sagen hatte, kümmerte das Sam nicht. Er war der beste Assistent, den er sich hätte wünschen können, und er kannte die Geschäfte besser als er. Doch ausgerechnet heute war seine pünktliche Anwesenheit Pflicht. Es standen die Inventur, aber auch anfallende Abrechungen für Stammkunden, Terminplanung und weitere Absprachen auf dem Plan.

Sean bog gerade ab, als er plötzlich hart die Bremse durchtreten musste. Die Reifen quietschten, und mit einem Ruck kam der Wagen zum Stehen. Vor ihm stand ein junger, blonder Mann, der ihn erschrocken durch die Windschutzscheibe anstarrte. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann drehte er sich zur Seite und rannte über die Straße auf den Bürgersteig.

Tief durchatmend versuchte Sean sich wieder zu beruhigen. Zum Glück für ihn, dass sich kein weiteres Auto hinter ihm befand.

Es dauerte nur wenige Sekunden, da verwandelte sich der Schock in Wut. Per Knopfdruck ließ er die Fensterscheibe herunter und wollte gerade losbrüllen, ob der Blonde noch alle Tassen im Schrank hätte, einfach am helllichten Tag über die Straße zu stürmen, als er verdutzt von seinem Vorhaben absah. Denn er kannte diesen Mann. Es war derselbe, den er zu Lian in die Notaufnahme gebracht hatte. Sein Zorn verrauchte. Stattdessen war er erleichtert, ihn putzmunter wiederzusehen. Nur an ihrer Art, wie sie sich begegneten, mussten sie dringend etwas ändern, dachte er sich dabei im Stillen. Neugierig beobachtete er den Blonden.

Dieser hielt auf einen heruntergekommen Hauseingang zu, schaute hinauf und rief: »Sly, mach gefälligst auf!«

Nichts geschah. Selbst nicht nach weiteren Rufen und mehrmaligem Klingeln. Bis plötzlich die tiefe Stimme Slys von oben auf die Straße hallte.

»Verpiss’ dich, Finn!«

»Verdammt, Sly, was soll der Scheiß?«, rief Finn zurück.

Sean sah ganz genau hin, um nichts zu verpassen. Zudem freute er sich, dass der Fremde endlich nicht mehr namenlos war. Schließlich legte er den Rückwärtsgang ein, blickte in den Rückspiegel und fuhr los. Ohne Probleme parkte er sein Auto in einer Lücke und stieg aus.

Das Schauspiel nahm unmittelbar seinen Lauf wieder auf.

Ein ganzes Bündel Kleidung flog durchs Fenster und landete verstreut auf dem Bürgersteig. Rasch klaubte Finn die Sache auf und schrie dabei: »Sly, hast du eine Vollmeise? Lass das gefälligst, du Arsch! Du kannst mich nicht einfach rausschmeißen. Wir hatten eine Abmachung«, tobte Finn, und eine Spur Panik schlich sich in seine Stimme.

Die wenigen Passanten, die an ihm vorbeikamen, musterten ihn abfällig und beeilten sich, weiterzugehen.

»Hau ab, du kleiner, mieser Stricher. Lass dich hier nicht mehr blicken!«, gab Sly vom Fenster zurück. »Du hast seit einer Woche keine Miete mehr gezahlt und warst zwei Tage verschwunden. Ich bin kein Obdachlosenheim, verstanden? Such dir gefälligst einen anderen Kerl und verschwinde!«

Diese Szene war für Sean recht aufschlussreich gewesen, und ein wenig fühlte er sich schuldig. Langsam näherte er sich Finn, der es inzwischen aufgegeben hatte, nach oben zu starren und sich stattdessen an den Straßenrand gesetzt hatte. Seine Kleidung auf dem Schoß. Und zu allem Überfluss begann es in jenem Moment auch noch zu regnen.

»Hi, kann ich dir helfen?«, fragte Sean.

»Mach die Fliege, Idiot«, brummte Finn und hob eher widerwillig den Blick. Smaragdgrün traf auf Stahlblau. Für einen kurzen Sekundenbruchteil flackerte das Wiedererkennen in seinen Augen auf.

»Zufällig weiß ich, dass ich kein Idiot bin«, antwortete Sean und grinste. »Und mit einer Fliege habe ich nichts gemeinsam. Eigentlich wollte ich dich fragen, ob es dir gut geht.«

»Falls du witzig sein willst, dann bist du eben kläglich gescheitert, reiches Großmaul«, entgegnete Finn hämisch, und sein Blick war genauso giftig wie sein Ton.

Seans Grinsen wurde breiter. Er begann Finn zu mögen und wusste nicht einmal den Grund. Er trug immer noch dieselben Klamotten wie vor zwei Tagen, mit einem Unterschied. Darüber hatte er eine dünne Lederjacke angezogen, die ihn nur dürftig vor der Dezemberkälte schützte. Finns blonde Haare reichten ihm bis zu den Schultern, eine vorwitzige Haarsträhne fiel ihm dabei ins Gesicht. Er machte einen Schmollmund, was ihn nur noch attraktiver machte, als er schon war. Oder er hätte attraktiver gewirkt, dachte Sean, wenn er nicht so dünn wäre. Aber seine Augen waren das, was ihn so unheimlich faszinierte. In ihnen spiegelte sich ein wahrer Sturm an Emotionen wider.

»Hast du jetzt genug gestarrt?«, schnaubte Finn und straffte die Schultern. »Dann kannst du gehen. Ich habe keine Zeit für dich. Oder willst du unbedingt deine Kohle loswerden?«

»Nun ja, ich bin nicht gerade arm«, sagte Sean und steckte seine Hände lässig in die Manteltaschen. »Aber eigentlich bin ich mit daran schuld, dass dir meine Ex-Freundin vor zwei Tagen den Blumentopf auf den Kopf warf. Und ich wollte mich bei dir entschuldigen. Und glaube mir, ich war eben sehr überrascht, als ich erkannte, dass du es bist. Denn aus dem Krankenhaus bist du ja leider spurlos verschwunden.«

Diese Worte nahmen Finn in diesem Moment allen Wind aus den Segeln. Er dachte an den Abend zurück, als er aus der Wohnung eines widerlichen Freiers gestürmt war, der nicht nur abartige Sexpraktiken bevorzugt hatte, sondern ihm damit auch recht deutlich vor Augen geführt hatte, wie tief er in der Gesellschaft gesunken war. Nachdem er dem Typen schließlich erklärt hatte, dass er sich für seine kranken Spielchen jemanden anderen suchen und schließlich darüber ein handgreiflicher Streit ausgebrochen war, weil dieser ihm kein Geld hatte zahlen wollen, war er Hals über Kopf aus dessen Wohnung gestürmt. Im Nebel seiner Erinnerungen sah er wieder den Mann, mit dem er im Aufzug zusammengeprallt war. Als nächstes konnte sich Finn nur noch daran erinnern, dass er im Krankenhaus wach geworden war. Anschließend war er zwei Tage unterwegs gewesen, um Sly wenigstens die Hälfte seiner Miete zahlen zu können. Doch die verdienten fünfzig Pfund in seiner Hosentasche reichten weder hinten noch vorne.

»Und was willst du jetzt von mir?«, fragte Finn ganz direkt und blickte, völlig untypisch für ihn, ganz fasziniert in die smaragdgrünen Augen seines Gegenüber. Dieser schwarzhaarige Typ sah in seinem feinen Anzug und dem Wintermantel äußerst attraktiv aus. Dazu seine leicht verwuschelte Haarmähne und das fröhliche Grinsen im Gesicht.

Ja, er wäre durchaus eine Sünde wert, dachte er.

»Genau das. Ich möchte mich bei dir entschuldigen«, erwiderte der Schwarzhaarige. »Meine Ex-Freundin hat dir den unfreiwilligen Aufenthalt in der Notaufnahme eingebrockt. Daher würde ich mich freuen, wenn ich dir als Entschädigung etwas schenken dürfte. Vielleicht darf ich dich zu einem Essen einladen.« Er lächelte freundlich, und sein Tonfall verriet ihm, dass sein Gegenüber die Entschuldigung wirklich sehr ernst zu meinen schien. »Denke jetzt aber nichts Falsches. Ein Essen – ganz unverbindlich und ohne Hintergedanken.«

Finn runzelte konsterniert die Stirn. Solch eine Einladung war ihm neu. Sollte er annehmen, oder lieber auf schnellstem Weg das Weite suchen? Wenn er jedoch auf seinen Magen hören wollte, dann konnte der durchaus etwas Nahrhaftes vertragen. Seine letzte Mahlzeit lag einen Tag zurück und hatte lediglich aus einem halben Sandwich bestanden. Und wenn er das Angebot annahm, würde er mindestens für eine Stunde die Winterkälte hinter sich lassen können. Um seinen Rauswurf bei Sly konnte er sich danach immer noch Gedanken machen. Und falls er sich in dem freundlichen Auftreten seines Schuldners irren sollte, dann sollte es eben so sein. Er hatte es allmählich satt, immer nur auf der Verliererspur durch die Straßen zu ziehen. Womöglich konnte er ihm ja sogar ein wenig Geld abknöpfen. Ein paar Geldscheine mehr oder weniger in dessen Tasche schienen ihn nicht ärmer zu machen.

»Okay«, antwortete er schließlich. »Jetzt gleich? Wo sollen wir hingehen?? Ich habe einen Bärenhunger. Ich kenne da eine Pizzeria in der Aldgate East Station, die machen die leckersten von ganz London.«

»Das klingt sehr vernünftig.« Der Schwarzhaarige zog nebenher sein Smartphone aus der Manteltasche. »Dann gehen wir beide jetzt Pizza essen. Deine Klamotten verstauen wir im Kofferraum. Aber vorher muss ich noch meinen Assistenten anrufen und ihm Bescheid geben, dass ich mir den Abend frei nehme.«

Finn nickte stillschweigend und hoffte, er würde seine Entscheidung nicht bereuen.

~*~

Eine Stunde später saßen Sean und Finn in der kleinen Pizzeria in der Nähe der Aldgate East Station an einem Zweiertisch. Es waren nur wenige Gäste anwesend, die Atmosphäre umso gemütlicher. Auf den Tischen brannten Kerzen, aus der Küche wehte der Duft von frischgebackener Pizza und Kräutern hinaus. Im Hintergrund lief leise italienischer Rock-Pop.

Sean hatte seine Portion Spaghetti alla carbonara bereits aufgegessen, während er nun hin und wieder an seinem Glas Rotwein nippte. Finn hatte in der Zwischenzeit einen großen Salat verdrückt und aß seine zweite Pizza Margarita.

»Willst du noch eine?«, fragte Sean neugierig und bewunderte Finn, der sich mit Leichtigkeit das letzte Stück Pizza in den Mund schob. Verneinend lehnte der sich zufrieden auf dem Stuhl zurück.

»Ich bin satt.« Dann nahm er sein Glas Rotwein und leerte es in einem Zug. »Wo ich jetzt auf deine Rechnung mich vollgestopft habe, könntest du mir langsam mal deinen Namen verraten. Den hast du mir nämlich immer noch nicht gesagt.« Frech grinsend verschränkte Finn die Arme vor der Brust. »Denn es gehört sich doch, sich bei seinem Gönner namentlich zu bedanken. Findest du nicht auch?«

Seans Mundwinkel verzogen sich zu einem kecken Grinsen. Zugleich fühlte er sich von diesen atemberaubend wunderschönen blauen Augen in den Bann gezogen. Der Blick jagte ihm einen heißkalten Schauer über den Rücken. Überraschend auch für ihn, hatte er trotzdem plötzlich das unwiderstehliche Verlangen, den Blonden küssen zu wollen. Doch nicht jetzt, nicht in dieser Situation und vor allem nicht, weil er ihn gerne näher kennenlernen und nicht vergraulen wollte.

»Mein Name ist Sean … Sean Ashton … Besitzer des Dark Desire. Und wie ist dein Name?«

»Du meinst doch nicht das Dark Desire? Der Men’s Club von ganz London … was sage ich da … von ganz England!« Finn starrte ihn an als würde der Weihnachtsmann ihm persönlich gegenübersitzen.

Sean nickte amüsiert.

»Du verarschst mich doch?«

»Nein. Nicht, dass ich wüsste.« Sean lachte und zog nebenbei eine Visitenkarte aus der Innentasche seines Jacketts und reichte sie weiter. Er sah keinen Sinn darin, Finn etwas vorzumachen und seine wahre Identität zu verschleiern, vor allem nicht, weil der Blonde ihn immer mehr faszinierte. Er würde mit ihm wohl die ganze Nacht hier sitzen, nur um mehr über ihn zu erfahren.

Begierig riss Finn ihm die Karte aus der Hand und studierte sie. Sollte es denn wirklich wahr sein? Er saß tatsächlich mit dem Besitzer des Dark Desire Clubs an einem Tisch. Er hatte schon etliche Gerüchte über den Club gehört, unter anderem, dass der Inhaber beinahe achtzig Jahre alt sein sollte. Diesen Eindruck erweckte er nun keinesfalls. Aber auch, dass die Jungs, die für ihn arbeiteten, in einem Monat mehr Geld verdienten als er in einem Jahr.

Ohne es wirklich zu wissen, antwortete ihm Sean auf seine unausgesprochene Frage. »Ich habe den Laden von meinem Vater geerbt. Seit fünf Jahren leite ich jetzt den Club. Aber du könntest mir deinen Namen verraten, den weiß ich auch noch nicht.«

»Finn … Finn Evans«, antwortete er knapp und steckte die Visitenkarten in die Hosentasche.

»Schöner Name«, hörte er Sean flüstern.

Dasselbe hätte er auch von ihm sagen können. Ganz besonders, weil ihn Sean mit jedem weiteren Wort mehr und mehr faszinierte. Er war völlig anders als die Männer, die er kannte. Sein Interesse galt ihm als Mensch und nicht rein als Lustobjekt. Sean schien einfach damit zufrieden zu sein, nur mit ihm an diesem Tisch zu sitzen und zu reden – als wäre er ein Freund.

»Und? Was wirst du heute noch machen?«, hörte er ihn fragen und wurde aus seinen Gedanken gerissen.

Finn zuckte mit den Schultern. »Gute Frage. Ich werde wohl mein letztes Geld zusammenkratzen und mich mal umsehen. Vielleicht ergibt sich ja etwas.«

»Hm … was arbeitest du denn?«

»Siehst du das nicht?«, schnaubte Finn, und von der eben noch angenehmen und freundschaftlichen Atmosphäre war beinahe nichts mehr zu spüren. Offenbar hatte er sich wohl doch in Sean Ashton getäuscht. Er wollte genau das, was alle Männer von ihm wollten. Nervös fingerte er in seiner Jackentasche herum und zog eine zerdrückte Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug heraus.

»Das ist ungesund.« Sean lächelte ihn an.

»Na, und wenn schon«, gab Finn flapsig zurück und zündete sich die Zigarette an. Ob hier Rauchverbot galt oder nicht, das war ihm in diesem Moment egal.

»Ich scheine wohl in ein Fettnäpfchen getreten zu sein«, sagte Sean und seufzte. »Ich wollte dich nicht so direkt ausfragen, aber ich bin ein neugieriger Mensch. Außerdem haben wir eben zusammen etwas gegessen, da ist es nicht verwunderlich, dass ich gerne mehr über dich wissen möchte. Du scheinst mich wohl für einen Freier zu halten, stimmt’s? Aber genau das bin ich nicht. Nimmst du meine Entschuldigung an?«

Zerknirscht über diese offenen Worte flaute Finns Ärger ab. Plötzlich schämte er sich, weil er Sean einfach in eine Schublade gesteckt hatte.

»Na, sag schon. Du arbeitest doch auf dem Strich, oder? Wie alt bist du denn?«

»Gleich zwei Fragen auf einmal«, gab Finn versöhnlicher zurück, dennoch ließ er den Sarkasmus deutlich herausklingen. Er zündete sich die Zigarette an und zog genüsslich daran. Sein Blick war auf Sean gerichtet, der ungeduldig auf eine Antwort wartete.

»Wie alt bist du?«, stellte er die Gegenfrage und grinste ihn frech an.

»Ich war zuerst dran«, ließ sich Sean nicht beirren.

Für einige Augenblicke herrschte Schweigen zwischen ihnen. Finn überlegte, was er von Sean wirklich halten sollte. Diese Frage konnte er sich jedoch noch nicht beantworten. Aber wenn er wirklich nichts von ihm wollte, sondern ihn einfach nur kennenlernen, dann war er gerne bereit, mehr von sich zu offenbaren, als er es sonst tat.

»Okay«, meinte Finn und drückte seine Zigarette auf dem Teller aus. »Ich verrate es dir. Du wirst vorher sonst keine Ruhe geben. Ich bin 22 und wohne seit vier Jahren in London. Meinen Job mache ich aber schon ein wenig länger.«

»Und wie lange?«

»Das geht dich nichts an!«

»Ganz wie du meinst.« Sean seufzte. »Vielleicht aber auch nicht.« Anschließend bestellte er ein weiteres Glas Rotwein für Finn und für sich ein Tonic-Water.

Finn beobachtete ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Verzweiflung, während er nervös mit dem Feuerzeug spielte. Er wusste nicht so recht, was er denken und fühlen sollte. Auf der einen Seite fand er Sean Ashton sehr nett – netter als sonst einen Mann in seinem Leben –, und er besaß Humor. Darüber hinaus war er Besitzer eines gut gehenden Clubs in London. Aber vor allem war er nicht Sly. Auf der anderen Seite nagten die Zweifel an ihm, ob es richtig gewesen war, die Einladung anzunehmen, wo er doch eher Geld hätte verdienen müssen, um wenigstens die nächsten Tage einigermaßen ohne Probleme zu überstehen.

Und schließlich konnte er sich kaum von diesen glänzenden, smaragdfarbenen Augen seines Gegenübers losreißen. Sie zogen ihn regelrecht in ihren Bann. Ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken. Sean war etwas ganz besonderes für ihn, das wurde ihm plötzlich klar.

»Verrätst du mir jetzt, wie alt du bist?« Nun wollte Finn seine eigene Neugier befriedigen.

»34.«

»Du hast das stinkreich vergessen.« Finn zwinkerte ihm zu. Doch fast im selbem Moment wurde er nachdenklicher. »Deine Eltern haben dich bestimmt mit Hundertpfundnoten zugedeckt, damit ihr Liebling nicht friert.«

»Ehrlich? Keine Ahnung«, antwortete Sean leise und spielte nebenbei nervös mit seinem Glas. »Meine Mutter kenne ich nur von Fotos. Mein Vater war eigentlich nie zu Hause. Meine Nanny hatte mich auf jeden Fall mit einer normalen Bettdecke zugedeckt, bis ich alt genug war, um das alleine zu tun.«

»Echt jetzt? Du kennst deine Mutter nicht?« Finn war ehrlich überrascht.

Sean schüttelte nur den Kopf.

»Aber wenigstens kennst du deinen Vater«, murmelte Finn und leerte sein Glas.

»Du hättest wohl gerne getauscht?«, warf Sean ein und sah ihm direkt in die Augen.

Finn zuckte ganz kurz zusammen und nahm einen kräftigen Schluck Wein, sagte aber nichts dazu.

»Glaube mir, meinen Vater hättest du nicht einmal geschenkt gewollt. Für ihn zählten nur gute Noten in der Schule, dass ich mich niemals auch nur ein bisschen daneben benahm und einfach gut genug war, um den Laden zu übernehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.«

»Den Laden hast du übernommen. Und mit dem guten Benehmen hat es auch geklappt«, meinte Finn mit schwermütigem Unterton und rutschte etwas verunsichert auf seinem Stuhl herum.

»Und was ist mit dir?«.

»Was soll mit mir sein?«

»Du hast gesagt, du wärst seit vier Jahren in London«, sagte Sean mit einem verstehenden Lächeln. »Wo bist du denn geboren? Aufgewachsen? Warum hat es dich nach London gezogen? Verstehe mich nicht falsch, aber deinen Job machen viele nicht aus Spaß an der Freude. Wohingegen meine Jungs nun mal gerne Callboys sind.«

Jetzt war es ausgesprochen, und allmählich glaubte Finn zu wissen, auf was sein Gesprächspartner wirklich anspielte.

»Was soll ich sagen, da gibt es nicht viel«, begann er ein wenig zögerlich und bestellte sich erst einmal ein weiteres Glas Wein. Erst als der Kellner das Glas brachte und mit einem Augenzwinkern sogar einen Aschenbecher vor ihm abstellte, ging es ihm deutlich besser. Er entzündete sich rasch eine Zigarette und überlegte fieberhaft, was er ihm erzählen sollte.

»Geboren bin ich in Clevedon, das liegt im Norden von Somerset an der Küste«, fuhr er schließlich fort. »Meine Mutter starb früh, und das Jugendamt hat mich in eine Pflegefamilie gesteckt. Da war ich, bis ich dreizehn war … weil der Typ … also mein Pflegevater … na ja … er hat seine Finger nicht bei sich behalten können.« Unbewusst ballte er an den Gedanken daran die Finger und zog einmal kräftig an der brennenden Zigarette. Er spürte wieder die unaussprechliche Wut, doch inzwischen hatte er sich damit, soweit es ging, arrangiert. Es war geschehen, und er konnte nichts mehr daran ändern. »Ich bin dann aus Clevedon abgehauen. Ich war mal hier und mal da. Habe mich so durchgeschlagen … mal geklaut, mal wieder nicht, bis ich in Manchester Marc kennenlernte. Er hat mir immer von London vorgeschwärmt und zwar solange, bis ich mit ihm hierher kam. Er hat mir gezeigt, wie es hier auf den Straßen abgeht … ganz anders als in den anderen Städten. Vor zwei Jahren verschwand dann Marc. Er meinte, er wollte nach Amerika. Das war zur gleichen Zeit, als ich Sly über den Weg lief.«

»Das war der Typ am Fenster, stimmt’s?«

Finn nickte und rauchte sichtlich nervös seine Zigarette zu Ende. Seufzend drückte er sie aus und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Sly hat mir angeboten, bei ihm zu wohnen. Das ging auch gut. Am Anfang wollte er die Bezahlung in … du weißt schon … in Naturalien. Dann wollte er vor einem Jahr plötzlich wöchentlich Geld. Bis vor ein paar Monaten ging das auch gut. Aber ich verdiene nicht mehr so viel wie früher. Und manche perversen Schweine will ich ganz bestimmt nie wieder sehen, auch wenn die Kohle stimmt. Das war es auch schon. Meinen Rausschmiss bei Sly hast du ja live miterlebt.«

»Ehrlich gesagt war es ja nicht zu überhören«, antwortete Sean augenzwinkernd. Doch in seinem Inneren bebte er. Er hatte diese Geschichte schon öfter gehört, leider zu oft. Und einige Jungs, die er kannte, hatten den Absprung nicht geschafft. Die anderen arbeiteten für ihn und taten das inzwischen gerne. Trotz seiner angestachelten Wut auf die Männer spürte er ein Gefühl, welches er schon lange nicht mehr so stark empfunden hatte, und welches ihn kurzzeitig aus dem Konzept brachte. Ein angenehmes Kribbeln jagte über seine Haut, und herumwuselnde Schmetterlinge in seinem Bauch überraschten ihn wie ein Eimer kaltes Wasser ins Gesicht. Obwohl er Finn nicht kannte, war er geradewegs dabei, sich in den Blonden zu verlieben.

»Weißt du was«, sagte Sean, nachdem er sich wieder einigermaßen im Griff hatte, und aus einem Impuls heraus sprudelten die folgenden Worte aus ihm heraus: »Vergiss diesen Idioten Sly. Wie wäre es stattdessen, wenn du heute Nacht auf meiner Couch pennst … immerhin sind deine Klamotten in meinem Wagen.«

Mit großen Augen blickte Finn ihn an. Doch damit entfachte er ein wahres Klopfkonzert in Seans Brust. Er war eindeutig egoistisch, das wusste er. Aber er wollte den Blonden auch nicht einfach verschwinden lassen. Noch niemals zuvor hatte er einen Mann in sein Zuhause eingeladen. Ihm schwebte dabei allerdings kein One-Night-Stand vor, sondern er wollte einfach nicht, dass Finn bei der Kälte draußen auf der Straße schlief, und genau danach sah es zurzeit aus.

»Ich könnte meine Klamotten nehmen und einfach gehen, was würdest du dann machen?«

»Dir einen Koffer besorgen, damit du besser vorwärts kommst.« Sean grinste, und Finn schloss sich ihm an. »Und? Nimmst du mein Angebot an? Glaube mir, das mache ich sicherlich nicht bei jedem Typen, den ich zum Essen einlade.«

»Oh, dann bin ich etwas Besonderes?«

»Hm … vielleicht.«

~*~

Zehn Minuten später saßen beide im Wagen und fuhren durch das nächtliche London. Ihr Weg führte sie in eine sehr noble Gegend. Gespannt verfolgte Finn, wie Sean das Auto in einer geräumigen Garage parkte und sie dann gemeinsam durch einen Nebeneingang in die moderne Villa eintraten. Aus den Augenwinkeln sah er noch einen Swimmig-Pool im Garten, der rasch zur Nebensache avancierte, als er mitten in Seans Ashtons Haus stand. Überall erstrahlten helle und moderne Möbel vor beigefarbenen Wänden. Kunstvolle Deckenlampen spendeten Licht, und hier und da säumten Kunstobjekte jeder Art den gefliesten Fußboden. Auch einige – deutlich erkennbar teure – Bilder zierten die Wände. Im Wohnzimmer gab es ein großes weißes Ledersofa, zwei Sessel und einen Glastisch. In einer Ecke prangte auch ein Bücherregal, voll mit zahlreichen Büchern aller Art, und daneben eine Bar mit Tresen und Barhockern. Die Einrichtung ließ keinen Wunsch offen.

»Ich muss schon sagen …«, sagte Finn, nachdem er mit der Begutachtung des über 55 Zoll großen Flachbildfernsehers und der Hifi-Anlage fertig war, »du hast nicht an Luxus gespart. Die Hütte ist richtig heiß.«

»Die Hütte hat bescheidene dreihundert Quadratmeter Wohnfläche und noch mal so viel mit Pool und Garten«, erklärte Sean sachlich, ohne wirklich angeben zu wollen. Wie viel dieser Luxus gekostet hatte, verschwieg er an dieser Stelle. »Aber es freut mich, wenn es dir hier gefällt. Mach es dir auf der Couch bequem. Ich hole dir schnell noch ein Kissen und eine Decke … deine Klamotten bleiben bis morgen erstmal im Auto.«

Sean drehte sich um und lief ins Schlafzimmer. Als er kurz darauf zurückkam, erwartete ihn dort ein Bild, dass er nicht vermutet hatte. Finn lag zusammengerollt und mit geschlossenen Augen auf dem Sofa und schlief.

Zufrieden setzte er sich in einen Sessel und ließ sich von dem schlafenden Finn in den Bann ziehen. Dabei kauerte er nervös auf der Unterlippe. Die entspannten Gesichtszüge wirkten so sanftmütig. Finn war wahrhaft ein hübsches Kerlchen, dachte er und musste schmunzeln. Und plötzlich kam ihm eine Idee, die er morgen gleich in die Tat umsetzen wollte. Doch zuvor benötigte er auch dringend ein paar Stunden Schlaf. Schließlich stand er auf, breitete die Decke über Finn aus und bettete seinen Kopf vorsichtig auf dem weichen Kissen. Dann verschwand er in seinem Schlafzimmer und konnte kaum den kommenden Morgen abwarten.

~*~

Finn schlug die Augen auf und benötigte ein paar Atemzüge, bis ihm einfiel, wo er war und was gestern passiert war. Er hatte die Nacht tatsächlich auf dem Sofa von Sean Ashton verbracht, ohne dass er etwas von ihm gewollt hatte. Diese einfache Tatsache grenzte schon beinahe an ein Wunder, aber sie beruhigte ihn auch. Sean hatte ihn nicht angelogen. Schließlich streckte er seine Arme und Beine aus, schüttelte den Schlaf von sich und bemerkte ganz überrascht, dass er unter einer warmen Decke lag und sein Kopf auf einem weichen Kissen. Zu dieser Erkenntnis gesellten sich leichte Kopfschmerzen, die vom Wein herrührten. Daher blieb er lieber erst einmal liegen.

Allmählich kehrten die Bilder des gestrigen Tages und sein Rauswurf bei Sly zurück. Leider brachten diese Erinnerungen auch weitere Gedanken mit sich, die er lieber vergessen wollte. Wo sollte er künftig schlafen? Wo konnte er genug Geld verdienen, um sich etwas zu Essen zu kaufen?

Plötzlich riss ihn Geschirrklappern aus seinen Grübeleien. Hinzu gesellte sich der Duft von frischem Kaffee in der Nase. Sean war also wach. Finn stand auf und durchquerte schlurfend das Wohnzimmer, ging in den Flur und fand ihn schließlich in der Küche. Sean brutzelte Rühreier mit Speck, und Finn lief augenblicklich das Wasser im Mund zusammen. Doch es war weniger das Essen, das ihn beschäftigte, sondern eher Seans Erscheinung. Sein Gastgeber trug heute keinen Anzug, sondern eine ausgewaschene Bluejeans und ein eng anliegendes dunkelblaues T-Shirt, dazu schwarze Sneaker. Die Haare waren ganz verwuschelt. Ein verboten gut aussehender Anblick, wie Finn lächelnd feststellte.

»Guten Morgen«, begrüßte ihn Sean munter und drehte sich zu ihm um. »Ich war schnell einkaufen. Ich wusste nicht, ob du Eier zum Frühstück magst. Auf dem Tisch steht auch Toast, Gelee und Müsli. Los, nimm Platz und greif zu. Frischer Kaffee ist in der Kanne. Wenn du aber lieber Tee willst …«

»Morgen … Kaffee«, war Finns einzige Antwort, und er setzte sich mit Kohldampf an den gedeckten Frühstückstisch. Zuerst schenkte er sich schwarzen, duftenden Kaffee in eine große Tasse und trank einen Schluck, dann schnappte er sich einen Toast und knabberte daran.

»Rührei?«

Finn schob ihm grinsend den Teller hinüber.

~*~

Eine halbe Stunde später saßen beide satt am Küchentisch. Finn hatte schon seit Jahren nicht mehr solch ein ausgiebiges Frühstück genießen dürfen. Sean hingegen war ganz berauscht von dem Gedanken, endlich wieder nicht mehr alleine im Haus zu sein. Um diesen Umstand zu umgehen, schlief er in letzter Zeit oft im Büro und früher bei seinen Ex-Freundinnen. Aber womöglich konnte er bald öfter in den Genuss kommen, nicht mehr alleine das große Haus zu bewohnen, was ihn sofort wieder an seine Idee von gestern erinnerte.

»Du siehst nachdenklich aus«, holte ihn Finn zurück in die Gegenwart. »Dich beschäftigt etwas. Das sieht sogar ein Blinder. Willst du etwas sagen?«

»Ähm … ja. Weißt du, es betrifft dich«, platzte Sean direkt heraus und blickte Finn an, der ihn sichtlich überrascht ansah.

»Mich?«

Sean seufzte und trank erst einmal einen großen Schluck Kaffee, um seine wachsende Nervosität zu überspielen. »Es ist so …also ich habe da eine Idee. Du bist doch im Moment ohne Wohnung …«

»Was willst du mir damit sagen?«

»Nun ja … ich habe mir überlegt, ob du nicht bei mir einziehen willst.« Er streckte die Hand nach oben, um Finn davon abzuhalten, etwas zu sagen. »Lass mich das erst zu Ende erklären. Denn die Sache ist so. Mein Haus ist zu groß für eine einzelne Person. Die Haushälterin kommt drei Mal in der Woche, aber ansonsten ist hier alles verwaist. Und da kam mir die Idee, ob du eben nicht so lange bei mir wohnen willst, bist du etwas Neues gefunden hast. Ganz ohne Zwang und ohne Verpflichtungen. Obwohl ich dich eigentlich gar nicht kenne, vertraue ich dir in der Sache voll und ganz. Was hältst du davon?«

Sprachlos starrte Finn ihn an. Dann fischte er seine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche und zündete sich erst einmal eine an.

»Das ist dein Ernst«, stellte er beinahe flüsternd fest. »Du willst, dass ich in deine schmucke Villa einziehe? Sollte ich, Finn Evans, mich jetzt wirklich nicht verhört haben, dann habe ich gerade das große Los gezogen, oder wie?«

»Na, wie sieht es aus? Gefällt dir mein Angebot?« Sean lächelte ihn an und nickte eifrig.

Doch Finn zögerte, was sich auf Seans ohne schon schneller schlagendes Herz auswirkte. Er hoffte sehr auf eine positive Antwort. Vor allem, weil er noch lange nicht mit seiner Überraschung am Ende angekommen war.

»Ehrlich, Sean«, suchte Finn nach den passenden Worten. »Zuerst lädst du mich zum Essen ein, lässt mich hier pennen, und jetzt soll ich bei dir einziehen. Mannomann, du schaffst einen.«

»Wenn du nicht willst, du musst nicht. Ich hege auch keinerlei andere Absichten.«

»Kann es sein, dass du mich gerade anbettelst, bei dir einzuziehen?« Finn hatte seine Fassung wieder gewonnen. Abschätzend musterte er Sean und zog genüsslich an seiner Zigarette, um dann breit zu grinsen. »Meinst du wirklich, ich lasse mir die Chance entgehen? Aber …«, er stockte.

»Aber?«, hakte Sean nach.

»Ich habe nur fünfzig Pfund«, antwortete Finn und fischte aus der anderen Hosentasche ein kleines Bündel Geldscheine hervor und legte es auf den Tisch. »Ich fürchte, ich habe nicht die Kohle, um dir die Miete für das hier …«, dabei wedelte er mit den Händen und deutete ihn alle Richtungen, »… bezahlen zu können. Das ist eine Nummer größer, als ich es gewohnt bin.«

»Habe ich von Miete gesprochen?«, drehte nun Sean das Spielchen herum. »Weil ich das ahnte, habe ich mir auch darüber Gedanken gemacht.« Nun war es an ihm, breit zu grinsen. »Wenn du hier wohnen möchtest, musst du dafür keinen Penny zahlen. Ich schenke dir freie Kost und Logis. Aber weil ich mir denke, dass du das nicht so einfach akzeptierst, möchte ich dir einen Job im Club anbieten. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Jungs. Vielleicht möchtest du ja gerne in mein Geschäft einsteigen … ohne Verpflichtungen mir gegenüber, sondern nur ein Job.«

Dass Sean ihn inzwischen eigentlich gar nicht mehr auf die Straße schicken wollte, verschwieg er. Finn auf dem Straßenstrich zu wissen, versetzte ihm einen Stich in der Magengegend. Finn hatte etwas anderes verdient, als schäbige Unterkünfte und alte Säcke zu befriedigen.

»Ein Job? Und ich muss nix zahlen?« fragte Finn nach, der allmählich die ganze Tragweite des Vorschlages zu verstehen schien. »Du spinnst doch!« Er lachte und schüttelte mehrmals den Kopf. »Du kennst mich nicht, ich kenne dich nicht, und du willst mich trotzdem kostenlos in deine Bude einziehen lassen? Dann willst du mir einen Job geben. Wo ist der Haken?«

»Kein Haken«, antwortete Sean, stand auf und begann nervös in der Küche herumzulaufen. »Von mir aus nenne mich ruhig einen Idioten. Oder halte mich für völlig durchgeknallt. Mir ist es egal, doch eigentlich bin ich sehr pragmatisch veranlagt. Sly hat dich gestern auf die Straße gesetzt, du hast kein Geld, um dir so schnell eine neue Bleibe zu suchen, und ich kann dir ein Bett und einen Job anbieten.«

»Was für einen Job? Callboy?«

»Das Dark Desire sucht noch einen Kellner.« In diesem Moment trafen sich ihre Blicke, und er lächelte Finn an. »Das ist mein Angebot. Es lohnt sich, wenigstens darüber nachzudenken.«

»Du verarschst mich echt nicht«, murmelte Finn mehr zu sich selbst. Nebenbei zündete er sich die zweite Zigarette an. »Habe ich schon mal erwähnt, dass du ein verdammt heißer Typ voller Überraschungen bist?«

Sean lachte. »Nein, hast du noch nicht, aber ich hätte dich noch daran erinnert. Doch eigentlich stehe ich auf Überraschungen. Na, wie wäre es? Ich nehme dich nachher gleich mit in mein Büro. Den Rest erledigen wir dort. Und dann kannst du dir alles in Ruhe anschauen. Und wenn du bereit bist, auch gerne heute Abend schon anfangen.«

»Und wie viel verdiene ich dabei?« Finns Augen glänzten.

»Hm … lass mich überlegen.« Sean tat, als würde er darüber nachdenken müssen, dabei hatte er in der Nacht bereits alles ausgerechnet und sogar den Vertrag auf seinem Laptop aufgesetzt. »Zweihundert die Woche, plus Trinkgeld. Deal oder No Deal?«

Finn überlegte und rauchte erst einmal seine zweite Zigarette auf. Schließlich grinste er und streckte Sean die Hand entgegen. »Einverstanden. Dann muss ich wenigstens nicht mehr auf dem zugigen Schuldach übernachten.«

»Schuldach?« Sean war irritiert.

»Die Schule in der St. Clare Street.«

»Da hast du geschlafen?«

»Manchmal. Immer dann, wenn sich nichts anderes ergeben hat«, erklärte er, »oder wenn Sly mal wieder die Fäusten hat sprechen lassen. Aber jetzt lass uns gehen. Ich will meinen neuen Arbeitsplatz sofort unsicher machen.«

~*~

»Komm schon, Sean«, hakte Lian Ward verschmitzt lächelnd und augenzwinkernd nach. Vor ihm saß sein bester Freund hinter einem großen Schreibtisch, seine Augen auf den offenen Laptopbildschirm gerichtet. Doch er wusste, er war überhaupt nicht am arbeiten, sondern wich lediglich dem Augenkontakt aus, weil dieser ihn direkt verraten würde. »Du hast mich heute Abend nicht umsonst auf einen Drink in dein Büro eingeladen, nur weil wir uns seit einer Woche nicht gesehen haben. Also raus mit der Sprache … wie macht sich Finn nach zehn Tagen als Kellner?«

»Was willst du denn?«, gab Sean gereizt zurück. Doch allein bei den Gedanken an den jungen, blonden Mann, der nun bei ihm wohnte und im Club endlich einer anständigen Arbeit nachging, leuchteten seine grünen Augen auf.

»Deine Unschuldsmiene nehme ich dir nicht ab.« Lian lachte, als hätte Sean gar nichts gesagt, und nippte an seinem Glas Scotch mit Soda. »Du hast dich wahrhaftig in Finn verliebt, und jeder Leugnungsversuch ist zwecklos. Vergiss nicht, ich kenne dich besser als du deine Westentasche.«

»Was für ein Glück für mich, dass ich keine Westen trage.« Doch auf Seans verärgerte Miene stahl sich allmählich ein Lächeln. Er nahm schließlich ebenfalls einen Schluck aus seinem Glas mit Scotch und Eis.

»Wenn du mich noch länger hinhältst, bin ich im nächsten Flieger in die Karibik«, ging Lian auf das Spielchen ein. »Dann musst du Weihnachten alleine feiern.«

»Stimmt nicht«, warf Sean ein. »Du hast Finn vergessen.«

»Na schön. Wenn du es mir nicht sagen willst«, verkündete Lian schmollend schob seine Unterlippe nach vorne, »dann erzähle ich dir auch nichts von meiner neuen Freundin. Das hast du nun davon.«

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Sean setzte sich augenblicklich aufrecht hin und starrte seinen Freund fragend an.

»Die Infos bekommst du nur gegen die Beantwortung meiner Fragen«, lehnte sich Lian weit aus dem Fenster und wusste, die Runde hatte er gewonnen.

»Du weißt, dass das Erpressung ist.«

»Nö, nur Taktik. Also jetzt fang schon an. Ich will alle schmutzigen Details hören.«

Daraufhin lachten beide und prosteten sich zu.

»Ich habe das Gefühl, ihm macht die Arbeit Spaß.« Sean lächelte dabei versonnen vor sich hin. »Oft hat er einen coolen Spruch für die Kundschaft übrig, was will man also mehr. Außerdem hat mir Sam erzählt, dass ihn die anderen gut aufgenommen haben. Er macht seine Arbeit gewissenhaft, und seit zwei Tagen darf er sogar abkassieren.«

»Und zu Hause?«

»Was meinst du?«, gab Sean in gespielter Unschuldsmanier zurück.

»Ach, komm schon. Muss ich dir wirklich alles aus der Nase ziehen?«. Lian lächelte ebenfalls. Dann prosteten sie sich ein weiteres Mal zu und leerten ihre Gläser auf Ex. Kurz darauf beugte sich Lian nach vorne und sah seinem Freund verschwörerisch in die smaragdgrünen Augen. »Nun ja, Sean … Finn wohnt in deiner Villa und das tut bestimmt nicht jeder popelige Kellner.«

Seans Gesichtszüge hellten sich auf, aber er sagte nichts.

»Mensch, Kumpel«, bedeutete Lian theatralisch seufzend und schüttelte den Kopf. »Muss ich dich erst foltern, bevor du gestehst? Rede jetzt endlich! Und wie ich schon erwähnte … leugnen ist zwecklos.«

»Es ist nichts gelaufen, wenn du das wissen willst«, antwortete Sean und senkte ein wenig betrübt den Kopf.

»Hmm… Enttäuschend.« Lian dachte kurz über seine nächsten Worte nach, bevor er sie aussprach. »Ich will dir nicht wirklich in dein Liebesleben hineinreden, aber soll ich mal ehrlich sein?«

»Ich bitte darum.«

»Deine Äuglein fangen bereits an zu leuchten, wenn nur der Name Finn fällt, und viel deutlicher finde ich, dass du zum ersten Mal richtig glücklich aussiehst. Verstehe mich da nicht falsch, aber ich glaube inzwischen, dass du mit Männern besser bedient bist als mit deinen ganzen Frauengeschichten. Bisher haben dir die Weiber doch nichts gebracht, außer einer Menge Ärger. Und was dir mit Sarah passiert ist, sollte dir endlich zu denken geben. Findest du nicht auch?«

»Schlaumeier. Was meinst du, tu ich schon die ganzen verdammten letzten Tage?«, war alles, was Sean antwortete und sich dann schweigend in seinem Bürostuhl zurücklehnte.

»Du hast dich also wirklich verliebt.«

Sean nickte, sah allerdings nicht glücklich aus.

»Dann höre auf, Löcher in die Decke zu starren, wenn du in Finns Nähe bist. Greif endlich zu.« Lian hätte seinem Freund am liebsten eine Ohrfeige verpasst, damit er endlich aufwachte. »Ihr zwei wohnt zusammen. Ihr kommt zusammen zur Arbeit und geht wieder zusammen nach Hause. Ihr seht euch quasi vierundzwanzig Stunden. Das kann doch wohl nicht so schwer sein?«

»Du hast du gut reden.« Sean seufzte. »Gerade weil ich mich in Finn verliebt habe, will ich ihn nicht einfach überfallen wie so ein billiger Freier auf der Straße. Er hat was Besseres verdient. Aber wer sagt mir eigentlich, dass Finn überhaupt an mir interessiert ist?«

»Das sage ich dir, Sam, und auch der Rest der Jungs. Kannst sie alle fragen.« Nun schmunzelte Lian wissend. »Wir wissen mehr als ihr beide zusammen. Das ist wirklich traurig. Aber wenn es dich beruhigt. Vorhin habe ich Finn im Club gesehen. Er stand hinter der Bar, als du mich begrüßt hast. Noch kann ich Blicke sehr gut einordnen. Wenn er dich nicht anziehend findet, werde ich auf der Stelle schwul. Und du weißt, dass ich das niemals vorhabe. Mein Arsch bleibt Jungfrau für alle Zeiten!«

Das brachte beide wieder zum Lachen.

»Achte einfach selbst darauf«, meinte Lian selbstzufrieden und stand auf. »Aber vor allem stelle dich deinen Gefühlen. Ich muss jetzt los, meine Nachtschicht fängt in einer Stunde an. Wir zwei sehen uns spätestens an Weihnachten. Und wehe, ich empfange nur dich zum Essen. Dann schmeiße ich dich in hohem Bogen raus.«

Bevor er ging, sah er in den Augenwinkeln Sean nachdenklich nicken.

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23. Dezember

Finn Evans arbeitete nun seit zwei Wochen als Kellner im Black Desire. Nicht jeder seiner Bekannten konnte von sich behaupten, eines Tages das große Los gezogen zu haben. Ihm war es gelungen. Außerdem hatte er es geschafft, den wohl süßesten Typen von ganz London und Umgebung kennenzulernen. Sean hatte ihm ein Zimmer in seiner riesigen Villa überlassen, er grabschte ihn nicht an, ließ ihn zufrieden, und er hatte ihm diesen tollen Job angeboten. Hätte ihm noch Anfang Dezember jemand gesagt, er würde in einigen Tagen als Kellner irgendwo anständiger Arbeit nachgehen, hätte er ihn vermutlich ausgelacht.

Aber nach Lachen war ihm nicht zumute. Der Grund war nämlich genau dieser heißeste Typ der nördlichen Hemisphäre. Allein beim Gedanken an Sean stieg ihm die Röte ins Gesicht. Immer, wenn er sich ihm näherte, wandte er sich schnell ab, in der Hoffnung, dass dieser es nicht bemerkte. Und gerade in diesem Moment kam Sean an der Bar vorbei und schenkte ihm ein schüchternes Lächeln.

Finns Herz schlug einen trommelnden Rhythmus, und seine Hände wurden ganz feucht. In seinem Bauch begannen die Schmetterlinge wieder einen wilden Tanz aufzuführen. So gerne würde er sich Sean schnappen, in eine Ecke ziehen und leidenschaftlich küssen. Stattdessen drehte er sich rasch um und tat, als zählte er die Gläser im Regal.

Bisher hatte er noch nie für einen anderen Mann so starke Gefühle gehegt wie für Sean Ashton. Er hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Und genau das war sein größtes Problem. Für Finn war Sean ein unerreichbarer Fremder, wenn auch auf eine verquere Art und Weise. Er war sein Chef, und er nur ein Keller mit einer fragwürdigen Vergangenheit. Finn hatte viel zu große Angst, ihm die Wahrheit zu sagen. Vermutlich warf er ihn nach seinem Geständnis auf der Stelle raus … aus dem Club und aus der Villa.

Um nichts in der Welt wollte er sich seinen Neuanfang verbauen. Besonders nicht, wo er gerade erst neue Freunde gefunden hatte, die ihn behandelten, als hätte er schon immer im Club gearbeitet. Nach nur zwei Wochen gehörte er zu ihnen.

»Hey, Finn, komm und beeil dich. Da hinten wartet neue Kundschaft«, riss ihn der Barkeeper Darren aus seinen Gedanken.

Finn wirbelte herum und sah dem hoch gewachsenen, athletischen Darren in die braunen Augen. Er mochte Darren, der für ihn schon vom ersten Tag an ein offenes Ohr hatte. Darren hatte ihm alles gezeigt und sogar bei Sean vorgeschlagen, dass er ihn demnächst in die Feinheiten des Cocktailmixens einweihen wollte.

»Träumst du vor dich hin?«, erkundigte sich Darren und wedelte mit den Händen vor seinem Gesicht herum.

»Hey … hey … es ist nichts«, gab Finn zurück und schlug Darrens Hände beiseite. »Du erschlägst mich ja noch.«

»Nichts liegt mir ferner. Aber beim nächsten Mal solltest du nicht mit offenen Augen träumen.« Darren zwinkerte ihm zu. »Nun aber ab mit dir. Neue Kundschaft.«

Finn nickte und richtete seine Arbeitskleidung, bestehend aus einer engen schwarzen Jeans und einem zur Hälfte aufgeknüpften schwarzen Hemd, was einen guten Blick auf seine unbehaarte Brust bot. Seine blonden Haare waren verwuschelt, und in Verbindung mit seinem stets frechen Lächeln verströmte er einen gewissen Charme gegenüber der männlichen Kundschaft. Er schaffte es sogar oft, dass die Kunden gerne die teuren Getränke bestellten, was sein eigenes Trinkgeld erhöhte.

Finn straffte seine Schultern und lief schnurstracks in den hinteren Teil der Bar, wo ihn ein grauhaariger älterer Mann erwartete. Sein fettleibiger Körper schien ihm dabei schwer zu schaffen zu machen, er schnaufte wie ein Walross. Auf der Stirn glitzerte ein Schweißfilm. Und das schwarze Ledersofa ächzte gefährlich, als er unruhig hin- und herrutschte. Neben ihm saß einer der Hosts. Wenn Finn sich nicht täuschte, dann war es Andy, der sich mit dem fetten Kerl herumschlagen musste. Andy tat ihm leid.

Doch als er immer näher kam, erstarrte Finns Lächeln auf seinem Gesicht, denn er erkannte diesen fetten Kerl wieder.

»Da tritt mich doch ein Pferd. Was für eine Überraschung.« Der Kerl lachte dreckig und schubste Andy vom Sofa.

Der sah irritiert zwischen den beiden hin und her, woraufhin ihm Finn ein Zeichen gab, er sollte einfach gehen, er würde das schon regeln. Aber am liebsten wäre er auf der Stelle umgedreht und verschwunden.

»Du hast dich aber ganz schön rausgeputzt, muss ich sagen. Ich erkenne dich kaum wieder.«

»Was willst du, Hugh?«, schnaubte Finn und versuchte, die grabschende Hand von seinem Gegenüber so unauffällig wie möglich zur Seite zu schlagen, die auf seinem Hintern lag und diesen gerade massieren wollte.

»Aber nicht doch. Ich will hier etwas trinken und den angebrochenen Abend in gemütlicher Zweisamkeit genießen.« Hugh Hensley grinste lasziv, was Finn dazu veranlasste, sein Gesicht angeekelt zu verziehen. »Woher sollte ich wissen, dass ich hier meinen Lieblingsstricher treffe. Und dann auch noch in einer sehr erregenden Aufmachung.«

«Vergiss es, Hugh«, sagte Finn so leise wie möglich, dass ihn niemand seiner Kollegen hörte, aber noch laut genug, dass sein Gegenüber ihn böse anfunkelte. »Ich stehe dir nicht mehr zur Verfügung. Ich arbeite jetzt als Kellner und verdiene anständiges Geld. Und ich warne dich … fass mich noch einmal an, und du kannst dich von deiner Männlichkeit verabschieden.«

Hugh lachte. Im selben Augenblick griff er nach Finns Handgelenk und zog ihn trotz seines Protestes neben sich auf das Ledersofa. Mit der anderen Hand drückte er den deutlich schwächeren Körper des Blonden fest auf das Polster.

Finn wehrte sich, doch nur halbherzig, denn er wollte seinen Job behalten.

»Von einer kleinen Kröte wie dir lasse ich mir nicht drohen. Pass besser auf, was du sagst, sonst melde ich es deinem Chef«, flüsterte Hugh ihm ins Ohr und leckte anschließend genüsslich darüber, um ihn dann wieder loszulassen.

Sofort sprang Finn auf und sah Hugh giftig an. Auch wenn er gut und gerne auf die Gesellschaft dieses perversen, alten Sacks verzichten konnte, kannte er ihn inzwischen gut genug, dass er seine Drohung ernst meinte. Das letzte, was er wollte, war Streit mit Sean, der ihn jederzeit rauswerfen konnte. Daher riss er sich nur widerstrebend zusammen und fragte zähneknirschend: »Was willst du trinken?«

»Hmm… ich nehme ein Glas Champagner zur Feier des Tages. Ach ja … und den heißen Typen, der mir den Champagner bringt«, verkündete Hugh Hensley belustigt. Finns Wut stachelte ihn nur weiter auf.

»Steck ihn dir sonst wo rein«, war alles, was Finn grinsend erwiderte und mit schnellen Schritten zu Darren an die Bar zurückkehrte, um die Bestellung weiterzugeben. Als er kurz darauf zurückkam, saß zu seinem Glück bereits wieder Andy bei Hugh auf der Couch. Eilig servierte Finn den Champagner und verschwand gleich wieder. Andy tat ihm noch immer leid. Aber Hugh würde sich nicht trauen, vor all den Gästen und dem Personal seine übliche Tour durchzuführen.

~*~

Eine Stunde später war Finn gerade auf dem Weg in die Hinterräume des Clubs, um nach Darrens Anweisung frische Servietten und Kerzen zu besorgen. Kaum hatte er den belebten Gästeraum hinter sich gelassen, wurde es augenblicklich kühler, und all der Zigarettenrauch sowie das laute Stimmengewirr verblassten schlagartig, was Finn einen erleichterten Seufzer entlockte. Endlich ein paar Minuten Ruhe. Dazu lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand, schloss die Augen und lächelte vor sich hin.

Finn dachte an den morgigen Heiligen Abend, an dem nicht nur der Club geschlossen hatte, sondern Sean ihn auch zum Essen zu einem Freund mitnehmen wollte. Das war ihm so noch nie passiert. Und wieder schlug sein Herz schneller, wenn er sich vorstellte, er würde die nächsten Tage zusammen mit Sean verbringen. In den letzten Jahren hatte er eigentlich immer in den Armen irgendeines Freiers verbracht, nur um nicht alleine zu sein und …

»Na, wen haben wir denn da? Faul oder Feierabend?«, sprach ihn eine bekannte Stimme an.

Erschrocken fuhr Finn herum und erblickte mit zu Schlitzen verengten Augen ein bekanntes Gesicht – Hugh Hensley.

»Das ist Privat. Gäste haben hier nichts zu suchen«, antwortete er mit scharfem Unterton und stellte sich mitten in den Weg, beide Hände in die Hüften gestemmt.

»Aha … und wer sagt das?«

»Der Chef und ich«, gab Finn zurück, nur um dann einen Schritt nach hinten zu machen, während Hugh einen auf ihn zukam.

»Dass Huren hier das Sagen haben, bezweifle ich doch sehr stark.« Hugh lachte, und schon im nächsten Moment stürzte er sich auf Finn. Er überwältigte ihn, hielt ihn fest und schleifte ihn in die Bedienstetentoiletten. Finns Versuche, sich zu befreien, blieben erfolglos, ebenso seine Hilferufe.

~*~

»Bitte, noch einmal von vorne«, forderte Sean seinen Mitarbeiter Darren zwei Stunden später auf und gab gleichzeitig seinem Assistenten Sam das Zeichen, er solle die Tür schließen.

Das tat er auch, aber zuvor trat er selbst in das Büro des Chefs ein, und ebenso neugierig lauschte er.

»Ich habe Finn in den Vorratsraum geschickt, von dort ist er nicht mehr zurückgekommen«, berichtete der dunkelhaarige Barkeeper besorgt. »Aber weil es so voll war, konnte ich nicht gleich nach ihm sehen. Ich dachte, er wäre vielleicht draußen eine rauchen und dann vielleicht zur dir gegangen. Es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, wo er ist.«

»Bei mir war er nicht«, antwortete Sean mit einem unguten Gefühl im Bauch. »Und das ist jetzt wirklich schon zwei Stunden her?«

»Ja … ich mache mir solche Vorwürfe. Ich hätte gleich nach ihm sehen sollen, als er nicht zurückkam.«

»Es ist doch nicht deine Schuld, Darren. Doch ich verstehe nicht, wieso Finn einfach so verschwinden sollte?«

Ein Räuspern machte plötzlich die beiden auf sich aufmerksam. Beide sahen zu Sam. »Hätte ich vorher gewusst, dass Finn vermisst wird, hätte ich etwas gesagt. Ich habe ihn noch vor einer Stunde gesehen.«

»Wo?«, kam es aus zwei Mündern gleichzeitig.

»Bei den Bedienstetentoiletten. Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat Michael ihn noch angesprochen«, erzählte Sam und zuckte mit den Schultern.

Sean sprang auf, umrundete den Schreibtisch und winkte seinem Assistenten und dem Barkeeper zu, ihm zu folgen. Ihr Weg führte sie vom ersten Stock, wo die Büroräume lagen, die Treppe nach unten in den riesigen Gästeraum, der voll war. Sean hielt nach Michael Ausschau, den er bei einem langjährigen Stammkunden entdeckte. Sofort steuerte er auf die beiden zu, entschuldigte sich und bat Michael, ihm zu folgen. Sie liefen geradewegs zur Bar.

Der kleine Blonde war sichtlich verwirrt.

»Hast du Finn gesehen?«, fragte Sean und wirkte mittlerweile sehr nervös.

»Ähm … ja.«

»Und wann?«

»Vor ungefähr einer Stunde. Wieso?«

»Wo?«

»Ähm … bei … bei den … Toiletten«, stotterte Michael und schaute jeden einzelnen fragend an.

»Die Erklärung folgt später«, war alles, was Sean antwortete. Dann zog er Sam und Darren an den Armen in besagte Richtung, wobei sein mulmiges Bauchgefühl immer stärker wurde. Als sie den Personalbereich erreichten und bei den Toiletten hinschauten, waren diese leer. Eilig gingen sie weiter in das Wohnzimmer, wie die Jungs den Aufenthaltsraum nannten. Gemeinsam schauten sie in Finns Spind.

»Sein Rucksack fehlt«, stellte Darren fest.

»Verdammte Scheiße«, fluchte im selben Moment eine Stimme. Alle drehten sich um und sahen einen hoch gewachsenen, schlanken und braunhaarigen jungen Mann mit angeekeltem Gesicht ins Wohnzimmer eintreten. »Wehe, der Typ kommt wieder. Ich muss jetzt erst mal duschen und …«

»Welcher Typ?«, unterbrach Sean sein Gefluche.

Überrascht blieb Andy stehen. »Was ist denn hier los?«

»Von welchem Typen redest du da? Hast du Finn gesehen?«

»So ein ekliger Fettsack«, antwortete Andy verwundert. »Der ist unwichtig. Aber was ist denn mit Finn?«

»Genau das versuchen wir gerade herauszufinden. Hast du Finn gesehen? Ja oder Nein?« Sean wurde immer aufgekratzter.

»Er ist vor ungefähr einer Stunde die Hintertür raus gerannt … und jetzt, wo du es sagst … es war schon ein wenig seltsam. Er hat etwas geschrien, was ich nicht verstand, kam aus den Toiletten gestürmt und hätte mich beinahe noch umgerannt.«

»Was soll das heißen?«, hakte Sam nach.

»Hmm. Nun ja … er wirkte etwas durch den Wind«, meinte Andy, als es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. »Hey, das war dieser Typ. Der sieht aus wie ein Schwein und ist auch eines.«

Drei fragende Blicke trafen Andy.

»Vorhin hat Finn mit dem Fettsack geredet«, fuhr er fort. »Zuerst hat er mich wegeschickt, doch dann hat der Kerl verlangt, er wollte nur mit mir was trinken. Und dabei erzählte er mir Dinge … Dinge von Finn.«

»Welche?« Sean traute kaum seinen Ohren. Er bekam es mit der Angst zu tun.

»Er erzählte mir von Finns Vergangenheit«, sagte Andy nach kurzem Nachdenken. »Ich habe dem Typen gesagt, dass mich das nicht interessiert, aber er hat einfach weitergeredet. Er meinte, er wäre ein guter Freund von Finn. Und dass Finn als Stricher auf der Straße war und stiehlt. Wir sollten alle aufpassen, sonst würden wir bald alle um ein paar Scheine leichter sein. Und noch viel mehr. Es hat dem Fettsack richtig gefallen, mir das zu erzählen. Doch dann ist er plötzlich aufgestanden, hat gemeint, er will jetzt gehen und hat sich für den schönen Abend bedankt. Danach bin ich gegangen. Doch als ich eben an der Bar war, kam der Kerl wieder und hat versucht, vor der gesamten Kundschaft seine Drecksfinger in meine Hose zu schieben. Da hab ich ihm eine geknallt.«

»Sam, kümmere dich darum. Wenn es sein muss, ruf die Polizei«, befahl Sean aufgeregt. »Ich habe grad ein sehr schlechtes Gefühl, und wenn es stimmt, dann wird der Kerl noch was erleben. Los, macht schon … ich suche Finn«, bestimmte Sean, und bereits im nächsten Moment rannte er durch die Hintertür hinaus in die kalte Dezembernacht.

So schnell er konnte, stürmte Sean über den Hinterhof und sah sich dabei um. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass Finn sich hier irgendwo im Dunkeln versteckte. Zusätzlich rief er immer wieder seinen Namen, doch Finn blieb spurlos verschwunden.

Als Sean schließlich vor seinem Auto stand und fahrig in der Hosentasche nach den Schlüsseln suchte, kehrte seine Angst mit geballter Ladung zurück. Wenn der ekelhafte Sack Finn tatsächlich angefasst und ihn womöglich … Soweit wollte er gar nicht erst denken. Aber wenn er bis zum Äußersten gegangen war, dann durfte sich der fette Kerl auf Seans eigene – ganz persönliche – Rache gefasst machen.

Kurz darauf saß er hinterm Steuer seines BMW und drehte eine Runde um den Block, nur um festzustellen, dass es von Finn keine Spur gab. Er fuhr noch eine Runde, dieses Mal zwei Blocks weiter. Das tat er dreimal hintereinander, bis er im Hinterhof des Dark Desire wieder ankam. Immer noch überlegte er fieberhaft, wo er Finn suchen sollte, bis er plötzlich wieder den Motor startete und nach Hause fuhr.

Beinahe schon verzweifelt rannte er rufend durchs Haus, in den Garten, und lief enttäuscht wieder zum Auto.

»Wo steckst du nur?«, fragte er sich.

Plötzlich schreckte ihn das laute Handyklingeln auf. Das Display zeigte die Nummer seines Büros an.

»Sam, habt ihr ihn gefunden?«, erkundigte sich Sean hoffnungsvoll, nur um gleich darauf noch besorgter in den Fahrersitz zu sinken.

»Nein. Leider nicht. Aber die Polizei war da«, erzählte Sam hastig. »Der fette Typ … der übrigens Hugh Hensley heißt … hatte den halben Gästeraum demoliert, als du weg warst. Darren, Andy und ich wollten ihn mit ins Büro nehmen, um ihn wegen Finn auszufragen, da ist er plötzlich völlig ausgerastet. Zu fünft haben wir versucht, ihn festzuhalten. Jetzt hat Darren ein geschwollenes Auge, Andy eine verstauchte Hand, und ich eine gebrochene Nase. Die Polizei hat den Kerl schon mitgenommen. Ich habe ihnen auch die Sache mit Finn gesagt. Doch leider muss er erst mindestens 48 Stunden als vermisst gelten, bevor sie ihn suchen. Aber dieser Hugh verbringt die Weihnachtstage erst einmal hinter Gittern.«

»Schließe den Club«, antwortete Sean, der nicht wusste, ob er sich ärgern oder verzweifeln sollte. »Und gib den Jungs bis Silvester frei.«

»Das habe ich schon.«

»Gut. Auf dich ist immer Verlass. Geh jetzt auch nach Hause. Ich schaue mir die Sache später an«, erwiderte Sean leise und seufzte.

»Gleich. Darren und ich wollen vorher hier noch ein wenig klar Schiff machen. Außerdem wollen wir noch bisschen warten. Vielleicht taucht Finn doch noch auf.«

Diese Worte entlocken Sean ein kleines Lächeln.

»Danke …«, flüsterte er und schluckte merklich. »Ich suche solange mit dem Auto weiter.«

Er legte auf und startete den Motor erneut. Das Handy warf er auf den Beifahrersitz und fuhr los. London war viel zu groß, als dass er sich wirklich Hoffnung machte, Finn jetzt in der Dunkelheit zu finden. Er konnte überall sein.

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24. Dezember

Gegen Mittag hockte Sean todmüde, verzweifelt und wütend zugleich in seinem Büro im Dark Desire. Lian war gerade gegangen, um mit seinem eigenen Auto noch einmal die nähere Umgebung abzusuchen. Bisher war ihre Suche erfolglos.

Die vergangene Nacht war Sean wie ein Irrer durch die Londoner City gefahren, um schließlich bestimmte Stadtteile und Etablissements aufzusuchen. Sogar Stricher und Prostituierte hatte er ausgefragt, doch Finn blieb verschwunden.

Der einzige Trost an diesem trübsinnigen Tag war die Nachricht der Polizei gewesen. Es hatte sich herausgestellt, dass Hugh Hensley gesucht wurde. Die gestrige Schlägerei im Club war dabei nur das Harmloseste auf einer langen Liste von Vergehen. Sexuelle Belästigungen an Frauen und Männern standen ganz weit oben.

Aber selbst diese Neuigkeit konnte sein Unwohlsein nicht vertreiben. Seine Sorge um Finn wuchs von Minute zu Minute.

Heute waren sie bei Lian und seiner Freundin Rachel zum Weihnachtsessen eingeladen. Darauf hatte er sich schon die letzten Tage sehr gefreut. Vor allem, weil er sich für Finn ein ganz besonders Geschenk ausgedacht hatte. Endlich wollte er ihm gegenüber seine wahren Gefühle gestehen, denn er hielt es kaum noch aus. Sean konnte und wollte es nicht mehr leugnen: Er war bis über beide Ohren in Finn verliebt. Doch alleine dieser Gedanke nährte den schmerzenden Stich in seinem Herzen, und nervös sprang er vom Stuhl auf.

Plötzlich hellten sich Sean Ashtons Gesichtszüge auf. Es gab in ganz London einen Ort, wo er noch nicht gesucht hatte. Eigentlich hatte er ihn nicht für wichtig erachtet, doch er würde sich solange Vorwürfe machen, bis er dort nicht nachgesehen hätte.

Er schnappte sich sein Handy, zog den Wintermantel über, und bereits in den nächsten Minuten führte ihn das Navigationssystem im Auto zu seinem Ziel. Dort angekommen parkte er und sah sich mit einer Mischung aus Neugier und Zuversicht um. Die Gegend war verlassen, was an diesem Tag, der langsam dämmerte, kein Wunder war. Ihn interessierte dabei ein ganz bestimmtes Gebäude. Die Fenster waren alle geschlossen und lagen dunkel vor ihm.

Sean holte einmal tief Luft und ging auf das Gebäude zu. Wenige Minuten später kletterte er an der äußeren Feuerleiter nach oben, wobei sein Herz bei jeder weiteren Sprosse immer schneller schlug, nicht wegen der Anstrengung, sondern vor Aufregung. Gerade als er die letzten Meter zum Flachdach hinter sich brachte, begann es plötzlich zu schneien. Kleine, sanfte Schneeflocken blieben auf seinem dunklen Wintermantel kleben. Schließlich erreichte er das Dach der St. Clare’s Elementary School, und all seine Sorgen fielen wie ein schwerer Felsbrocken von ihm ab.

Finn saß zusammengekauert und mit angezogenen Knien dicht an den Schornstein gepresst da. Sein Gesicht hatte er auf den Unterarmen vergraben. Er sah aus, als würde er schlafen, was Sean jedoch bei der Kälte stark bezweifelte.

»Finn?«, flüsterte Sean leise.

Zitternd vor Kälte, mit überraschter Miene und geschwollenen Augen, hob Finn langsam seinen Kopf und starrte Sean an.

»Hey. Finn. Du musst nicht weinen«, sprach Sean beruhigend auf ihn ein und kam näher. Dabei spürte er wieder diesen schmerzhaften Stich mitten im Herzen. Finn so zu sehen, lediglich mit einem dünnen Hemd und der Jeans bekleidet, ließ ihn selbst frösteln. Außerdem hatte Hugh Hensley ihm übel mitgespielt. Je näher er kam, desto mehr konnte er sehen. Finns rechte Gesichtshälfte war geschwollen und mit Blutergüssen übersät. Die Unterlippe war aufgeplatzt, und auf seinem linken Handrücken prangte eine verkrustete Schnittwunde. Zudem erkannte er, dass Finns Hose seitlich aufgerissen war und das Hemd ebenfalls.

»War das Hugh Hensley?«, fragte Sean und ging vor Finn die Hocke. Zärtlich griff er nach der verletzten Hand und strich vorsichtig über die Wunde. Mit den Fingern der anderen Hand fuhr er über die Wange, sie war eiskalt, ebenso seine Finger.

»Woher weißt du das? Was machst du hier?« Finns Stimme klang brüchig und zitterte vor Kälte.

Innerhalb von wenigen Sätzen erklärte Sean ihm alles und endete mit seiner verzweifelten Suche.

Finn begann zu strahlen, und beide blickten sich tief in die Augen.

»Warum bist du abgehauen? Du hättest zu mir oder einem der anderen Jungs gehen können.«

Plötzlich sah Finn beschämt zur Seite. »Ich … ich wollte dir … ich wollte dem Club keinen Ärger machen. Es …es …tut mir … so leid«, stammelte er.

Aber Seans warme Hand zwang ihn, Sean wieder anzusehen.

»Finn …«, begann er leise und streichelte ihm weiterhin zärtlich über die Wange. »Sieh mich an und wiederhole noch einmal deine Worte. Aber vergiss dabei nicht, du blickst in die Augen eines Mannes, der krank vor Sorge war. Ich hatte mir die größten Vorwürfe gemacht, weil du plötzlich weg warst. Überall habe ich dich gesucht. Sogar Lian, Darren und Sam haben die Stadt durchsucht, nur um wenigstens einen Anhaltspunkt zu bekommen, wo du sein könntest. Meinst du denn wirklich, ich … wir alle würden dich nicht mögen? Was für ein Mist. Wir sind doch jetzt alle für dich da.«

Noch während er sprach, begannen die Schmetterlinge in seinem Bauch wieder ihren wilden Tango zu tanzen. Sein gesamter Körper kribbelte, und er widerstand nur mit eisernem Willen, Finn auf der Stelle zu küssen.

»Ich muss dir noch etwas sehr Wichtiges sagen«, fuhr Sean fort, bevor ihn sein Mut wieder verließ. »Du musst dich nicht entschuldigen, bei niemandem. Der Einzige, der das tun müsste, ist dieser Hugh. Aber was er getan hat, ist unverzeihlich. Vor ihm musst du nie mehr Angst haben. Er wurde von der Polizei verhaftet. Aber was ich dir eigentlich sagen will …«, er unterbrach sich selbst und fing an zu lächeln. »Letzte Nacht bin ich mir über eines klar geworden. Eigentlich wusste ich es schon vorher … ohne dich will ich nicht mehr sein. Ich … ich … ja, ich habe mich in dich verliebt. Nun ist es raus. Ich wünsche mir sehnlich, dass du bei mir bleibst. Aber nur, weil ich mir das wünsche, kannst du tun und machen, was du willst. Doch ich musste dir das jetzt sagen.«

In jenem Moment glaubte Finn sich im schönsten Traum, den man träumen konnte. Von einer Sekunde zur nächsten schwand seine Angst, und er schmiegte sich gegen Seans Hand an seiner Wange. Sie war warm, und sie war kein Traum. Zugleich versank er in Seans wunderschönen, glänzenden smaragdgrünen Augen. Es fühlte sich an, als wäre er plötzlich im wahr gewordenen Paradies auf Erden gelandet. Eine unaufhaltsame Armee von herumwuselnden Schmetterlingen flatterte in seinem Bauch umher, und ihm wurde ganz warm ums Herz. Er griff nach Seans Händen, und er half ihm beim Aufstehen.

»Sean«, flüsterte Finn, und er begann zu beben, aber nicht nur vor Kälte. Langsam legte er seine Hände in Seans Nacken und zog ihn näher an sich heran. »Weißt du … noch niemand hat mir so etwas Schönes gesagt. Wenn ich dich sehe, dann fühle ich mich zum ersten Mal richtig sicher und geborgen. Du … du gibst mir eine unbeschreibliche Kraft … ich kann es nicht erklären. Aber tief in meinem Herzen bist du der Mann, nach dem ich mich vom ersten Abend an sehnte. Du bist der Mann, in den ich mich verliebt habe.«

Finn leckte sich über seine trockenen, blauen Lippen, während Sean ihn glücklich lächelnd ansah.

»Finn, ich liebe dich«, hauchte Sean.«

»Ich weiß«, strahlte Finn.

Beide schlossen in freudiger Erwartung ihre Augen. Ihre Lippen berührten sich zuerst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher. Sean legte nun seinerseits die Arme um Finn und bat mit der Zunge um Einlass, die er ihm sofort gewährte. Eng umschlungen und von ihrer Liebe beflügelt, rauschte ihre Leidenschaft wie brodelnde Lava durch ihre Körper, und alles um sie herum war vergessen.

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The End

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© Text Madison Clark

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