Adventsgeschichte – Angel’s Guardian 18.12.2016

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Pünktlich zum 4. Advent kommt für euch das Türchen Nr. 18. Viel möchte ich nicht dazu sagen, ihr müsst es lesen. Bin gespannt darauf, was ihr sagen werdet.
Und natürlich könnt ihr HIER auch alle Türchen nachlesen.

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Türchen 18

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Nach einer fast schlaflosen Nacht streckte sich Gabriel auf dem bequemen Bürostuhl aus und gähnte herzhaft. Was er jetzt dringend brauchte war eine Tasse seines schwarzen Lebenselixiers. Nachdem Angel ihm gestern erklärt hatte, wo er sich jederzeit Nachschub besorgen konnte, stand er auf und verließ das Büro im Erdgeschoss. Zielstrebig lief er auf den Aufenthaltsraum der Jungs zu. Gerade als er die Klinke in die Hand nahm, wurde die Tür von innen schwungvoll geöffnet und Sean stand vor ihm.

»Oh, hallo Gabriel! Das trifft sich gut. Ich wollte gerade zu dir«, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, sodass Gabriel eintreten konnte. In der Hand hielt er eine Tasse mit dampfendem Inhalt.

»Und ich wollte mir gerade etwas zu trinken holen«, antwortete Gabriel grinsend.

»Okay. Ich warte eben auf dich und dann können wir vielleicht zusammen in mein Büro gehen? Deine Hilfe an meinem Computer ist gefragt. Ich finde einen wirklich wichtigen Ordner nicht mehr.«

Gabriel nickte und beeilte sich. Ihm gefiel dieser Raum, auch wenn er derzeit verlassen war. Eigentlich auch kein Wunder, es war erst elf Uhr vormittags. Ebenfalls mit einer Tasse Kaffee in der Hand, folgte er kurz darauf Sean im Aufzug nach oben.

Mental war er jedoch nicht bei der Sache. Immer wieder drifteten seine Gedanken zu Angel ab. Ihr gestriger Kuss hatte ihm endlich die Wahrheit offenbart. Die halbe Nacht hatte er sich im Bett von einer Seite auf die andere gewälzt, um sich über seine Gefühle klar zu werden. Egal wie er es drehte und wendete, er hatte sich unwiderlegbar in Angel verliebt. Und er war sich sicher, dass Angel die gleichen Gefühle für ihn hegte. Doch er war sich nicht sicher, ob Angel auch dafür bereit war. Die verhängnisvollen Ereignisse der letzten Nacht mit William gingen ihm immer noch durch den Kopf. Er wollte ihn nicht bedrängen, und wünschte sich zugleich, er könnte ihn beschützen.

»Geht’s dir gut?«, riss Seans sanfte Stimme ihn aus seinen Grübeleien. »Du siehst ein wenig … wie soll ich sagen … müde aus.«

Verlegen senkte er den Blick. Gabriel erwischte sich dabei, wie er einen Moment verstohlen zur Penthousetür hinüberschielte, bevor er Sean folgte und sie beide das Büro im fünften Stock betraten.

»Setz du dich hier hin«, bedeutete Sean. »Ich nehme den hier.«

Gabriel nahm auf dem gemütlichen Ledersessel hinter dem Schreibtisch Platz und Sean begnügte sich mit einem der Besucherstühle.

»Na, raus mit der Sprache«, hakte sein Gegenüber nach und Gabriel seufzte.

»Es ist nichts«, log er, hob die Tasse an die Lippen und trank einen Schluck. »Ich bin einfach nur schrecklich müde.«

Sean quittierte seine Worte mit einem Nicken, lächelte und erklärte ihm anschließend, was genau er auf seinem Rechner so verzweifelt suchte.

»Ich benötige den Ordner dringend, denn ich muss einige Termine eintragen und koordinieren, bevor der Betrieb hier heute Abend losgeht. Bekommst du das in der nächsten halben Stunde hin?«

»Einen Ordner wiederzufinden ist ein Kinderspiel.«

Froh über die kleine Ablenkung machte er sich augenblicklich ans Werk. Sean blieb sitzen und nippte immer mal wieder an seiner Tasse. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war ihm ein wenig unangenehm, doch er wusste auch nicht, was er sagen sollte. Was ihn wirklich beschäftigte, ging nur Angel und ihn etwas an, und nicht einmal sein Freund – denn nichts anderes war Angel mittlerweile für ihn –, wusste davon.

Fachmännisch ging er ans Werk, öffnete den Dateiexplorer, klickte auf C: und gab in die Suchleiste einige kurze Befehle ein. Es dauerte keine fünf Minuten und er hatte den verloren geglaubten Ordner gefunden.

»Ich hab ihn«, sagte er freudestrahlend und wollte gerade aufstehen, doch Sean bedeutete ihm mit einer Geste sitzen zu bleiben.

»Wunderbar.« Sean zog sein Smartphone aus der Hosentasche und tippte etwas ein. »Kannst du mir bitte schnell die Termine für heute und morgen Abend vorlesen, dann kann ich sie mit meinem Handy synchronisieren. Das geht so schneller, als wenn ich es allein mache.«

Leicht verwirrt kam Gabriel der Aufforderung nach. Er öffnete die Datei mit dem Namen ‚Termine‘ und suchte in der Tabelle, die sich vor ihm auftat, nach dem heutigen Datum. Als er schließlich an der richtigen Stelle angelangt war und er begann, die Namen und Termine vorzulesen, versagte ihm mittendrin schlichtweg die Sprache.

Konsterniert starrte er auf den Bildschirm. Sein Puls beschleunigte sich und ein Knoten bildete sich in seinem Magen. Gabriel holte mehrmals tief Luft. Sein Blick wanderte zwischen Sean und dem Namen, den er immer wieder las und der wie eine Messerspitze herausstach, hin und her. Er schluckte merklich und vor Schreck hätte er beinah die Kaffeetasse umgeworfen.

Seans Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. Mit ernstem und zugleich besorgtem Ausdruck betrachtete er Gabriel.

»Ich möchte…«, fing Sean an und räusperte sich, bevor er weitersprach. »Ich möchte, dass du auch die anderen zwei Ordner öffnest, die sich in dem ersten befinden.«

»W … w … warum?«, stammelte Gabriel kaum hörbar.

»Ganz einfach … Eine mögliche Beziehung auf einem Lügengerüst aufzubauen, tut weder dir noch Riley gut. Ich möchte, dass es keine Geheimnisse zwischen euch gibt.«

Gabriel presste die Lippen fest aufeinander und versuchte, seine Nervosität und Angst unter Kontrolle zu halten. Doch leider vergebens. Sein Körper bebte leicht und nur widerwillig kam er Seans Worten nach. Dabei wirbelten seine Gedanken ziellos umher, und er bekam keinen davon zu fassen.

Nur widerstrebend bewegte Gabriel die Maus über den Bildschirm und entdeckte die von Sean genannten weiteren Ordner. Einer trug den Titel ‚Aktuell‘, der andere den Namen ‚Luther‘. Ängstlich, aber mittlerweile dennoch neugierig, öffnete er zuerst den aktuellen Ordner. Schon anhand der Vorschaubilder konnte er deutlich erkennen, was diese darstellten und der Knoten in seinem Magen zog sich weiter zu. Sie zeigten Angel. Angel in aufreizenden, teilweise sehr provokativen Stellungen, teilweise bekleidet und auch nackt. Erschrocken zuckte er zusammen und wandte den Blick ab.

»Warum zeigst du mir das?«, fragte er Sean und erkannte sich selbst kaum wieder. Seine Stimme klang kalt und gereizt.

»Kannst du es dir nicht denken?«

»Was? Dass er zu feige ist, mir die Wahrheit zu sagen?«

Sean seufzte und erhob sich. Den Blickkontakt suchend, umrundete er den Schreibtisch und stützte sich hinter Gabriel auf die Sessellehne. So konnte er genau beobachten, was gerade auf dem Bildschirm zu sehen war.

»Bitte sieh sie dir an«, bat Sean ernst. »Vielleicht nicht unbedingt diese Fotos, die übrigens für die VIP Kundschaft gemacht wurden. Mir geht es auch weniger um sie, sondern um die anderen. Ich erkläre dir später auch warum, aber zuerst schaust du sie dir bitte an.«

Gabriel knirschte mit den Zähnen und hätte Sean am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Doch seine Neugier war einfach stärker, und so öffnete er den Ordner mit dem Titel ‚Luther‘. Kaum sah er die darin enthaltenen Bilder, wandte er sich ab und wollte aufspringen.

Sean ergriff ihn an den Schultern und drückte ihn bestimmend auf den Stuhl zurück.

»Lass das«, giftete Gabriel und schlug seine Hände fort.

»Nein!« Zum ersten Mal erlebte er Sean nicht als den fröhlichen, nur hin und wieder ernsten Mann. Dieses Mal war er hart und unnachgiebig. Erneut presste er Gabriel in den Bürostuhl und drehte ihn zum Bildschirm. »Du läufst mir jetzt nicht einfach davon. Lass mich nicht an meiner Menschenkenntnis zweifeln, bisher war ich immer sehr stolz darauf. Und jetzt sieh sie dir an.«

Gabriel funkelte ihn an, doch dann fügte er sich und starrte mit schockgeweiteten Augen auf den Flachbildschirm. Das erste Bild zeigte Angel nackt von hinten. Doch es war nicht die Nacktheit, die seinen Puls in die Höhe trieb, sondern die teilweise verheilten aber auch zahllosen frischen Verletzungen, die ihm nur allzu deutlich auffielen. Fast der gesamte Rücken war mit blutverkrusteten Schnitten, mehreren Brandmalen und roten, teilweise aufgeplatzten oder schon vernarbenden Striemen übersät. Zudem war der Körper ausgemergelt und von oben bis unten mit Schmutz überzogen. Das nächste Bild zeigte ihn von der Seite. Dort, wo heute Angels Tribal-Tattoo war, entdeckte er ein Brandmal. Genauso eines, wie man früher und auch heute noch Tiere brandmarkte. Es besaß die Form eines Dreiecks und in der Mitte prangte ein großes, geschwungenes und markantes L.

Mit zittrigem Finger klickte er weiter und glaubte sich in einem Albtraum. Angel von vorne mit gesenktem Kopf. Er wirkte auf dem Bild sehr viel jünger als heute. Wenn er schätzen müsste, dann würde er sagen, nicht älter als Fünfzehn. Angels Gesicht war ebenso verdreckt wie sein ausgezehrter Körper und in schillernden Farben dick angeschwollen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte Gabriel dort, wo Angel jetzt den Phoenix trug, zahlreiche vernarbte, rundliche Punkte. Sie sahen aus wie von ausgedrückten Zigaretten, und sie waren nicht nur neben-, sondern auch übereinander. Der Verursacher musste es genossen haben, auf die fast verheilten Wunden wieder Zigaretten zu drücken. Es war bestialisch anzusehen. Überall war er blau. Doch im Gegensatz zum Rücken sah er von vorne recht harmlos aus, wenn bei diesem Anblick das Wort überhaupt zutraf.

Bebend schloss er die Ordner und kämpfte um seine Fassung.

»Du gehst mir jetzt nicht einfach«, sagte Sean und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Ich hoffe, du denkst nicht, dass es mir Spaß macht, dich damit zu konfrontieren.«

»Ich gebe zu, der Gedanke ist mir gekommen«, antwortete er schnippisch.

»Schade«, antwortete Sean und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Aber ich weiß genau, dass aus dir momentan die Verzweiflung spricht. Und zu deiner Beruhigung … diese Bilder sind geheim. Lediglich Tyler, Matt, Angel und ich kennen sie. Und jetzt auch du.«

»Und jetzt? Wieso sollte ich mir das ansehen?« Gabriel war total verwirrt, ängstlich und verspürte einen Zorn, der den auf William noch weit übertraf.

»Wie ich schon sagte: Aus dem einzigen Grund, weil ich nicht möchte, dass etwas zwischen euch steht, jetzt wo sich etwas Ernstes zwischen euch entwickelt. Riley ist für mich wie ein kleiner Bruder und ich habe geschworen, ihn immer zu beschützen.« Sean stieß sich von der Schreibtischkante ab, verschränkte die Arme und lief hinüber zum Fenster. Ohne sich umzudrehen, sprach er weiter. »Dabei rede ich nicht von dem, wie Riley derzeit sein Geld verdient. Und bevor du gleich ausrastest … er tut es freiwillig, wie alle hier. Niemand zwingt ihn zu irgendetwas. Mir geht es um etwas ganz anderes.«

© Madison Clark

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Ich sage an dieser Stelle jetzt nichts, nur, dass es dort morgen weitergeht. Allerdings würde mich interessieren, ob ihr mit dieser Wendung gerechnet habt?

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